Schumachers Woche

Vom Umgang mit der Alltagspanik

Ein geringes Risiko wie Tod durch Terrorismus erzeugt irrational viel Angst. Hajo Schumacher sagt, wie man mit der Panik zurecht kommt.

Hajo Schumacher

Hajo Schumacher

Foto: Frank Johannes

Na, was gibt's zum Frühstück? Gebratenen Speck? Kaffee und Zigarette? Oder eine bunte Pille, weil es im Berghain gerade so schön ist? Alles kein Problem, solange sie nicht mit dem Rad zum Brötchenholen fahren. Oder gar tauchen. Dann wären Sie jetzt so gut wie tot. Statistisch gesehen bedeutet das Fortbewegen auf zwei Rädern in der Stadt nahezu Suizid. Tauchen auch. Und Fallschirmspringen. Nein, Schweinespeck und Ecstasy sind nicht gesünder. Aber das Risiko, sofort daran zu sterben, ist geringer.

"Gefahr" und "Risiko" zu trennen, hilft beim Umgang mit Alltagspanik. Gefahr ist, wenn es aus dem Unterholz knurrt. Seit der Steinzeit läuft vollautomatisch ein bewährtes Programm ab. Stresshormone fluten den Körper und verlangen instinktives Entscheiden: Wegrennen oder Kämpfen? Wer ein einfühlsames Gespräch führen will, endet als Säbelzahntigerfutter. Womit der Genpool praktischerweise um einen nicht ganz so klugen Kopf erleichtert wäre. Man nennt es Evolution.

Für den Umgang mit Risiken hat der Mensch dagegen kein Programm. Risiko ist ein kalter mathematischer Wert – die berechenbare Wahrscheinlichkeit, mit der ein Ereignis eintritt, ob Krebs, Erdbeben oder Radunfall. Aus der Risikoperspektive müsste man ein Siebenjähriger sein, der Bahn fährt. In diesem Alter in diesem Verkehrsmittel passiert statistisch am wenigsten. Ist auf Dauer halt nur langweilig. Für Erwachsene ist es schon hochriskant, überhaupt aufzustehen. Liegenbleiben aber auch. Mit dem Alter nimmt das Sterberisiko gewaltig zu. Wir halten fest: Spaß und Risiko sind oft Konkurrenten.

Unsicher im Umgang mit Mathematik neigt der Mensch dazu, Risiken mit dem Gefahrenprogramm zu bearbeiten. So kommt es, dass ein geringes Risiko wie Tod durch Terrorismus irrational viel Angst erzeugt. 82 Millionen fühlten sich "vom bewaffneten Gefuchtel einiger Dumpfbacken existenziell bedroht", wundert sich Peter Sloterdijk. "Das Unbewusste dieser phobokratischen Mechanismen" zu erkennen, hält der Philosoph für die zentrale Lernaufgabe dieser Tage. Fangen wir gleich mal an: Erst Speck und Kaffee. Und dann aufs Rennrad.

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