Aus dem Roten Rathaus

Michael Müller, eine Domina und 366.000 Euro

Diese Kolumne muss man mit Vorsicht genießen, warnt Gilbert Schomaker. Sie birgt in der Corona-Krise einige Wahrheiten.

Während die Corona-Kurve abflacht, steigen Müllers Beliebtheitswerte, weiß Gilbert Schomaker.

Während die Corona-Kurve abflacht, steigen Müllers Beliebtheitswerte, weiß Gilbert Schomaker.

Berlin. Eines vorweg: Diese Rathauskolumne ist nichts für Verschwörungstheoretiker, für Berliner, die ihr Geld zurückhaben wollen, und jene, die die Peitsche schwingen, um Geld zu verdienen.

Wie so häufig beginnt der Wochenrückblick der Rathauskolumne am Dienstag. Denn dann tagt der Senat im Roten Rathaus, und anschließend gibt es eine Pressekonferenz. Sie findet in diesen Tagen unter Schutzmaßnahmen statt. Wegen der Pandemie sollen so wenige Journalisten wie möglich direkt zugegen sein. Deswegen gibt es auf Facebook und Youtube eine Liveübertragung. So weit, so hygienisch sauber.

Und jetzt Vorsicht, Ihr Verschwörungstheoretiker der Welt, schaut auf diese Stadt. Denn am Wochenende heißt es in der Hauptstadt: Big Brother is watching you.

Im Internet war schon wieder alles verloren

Wie er in der Senatspressekonferenz berichtete, machte sich der Big Brother himself, Michael Müller, nämlich vergangenen Sonnabend auf den Weg, um die Lockerungen in der Corona-Krise zu begutachten. Er stellte fest, dass es in den Geschäften mit dem Abstandsgebot gut funktionierte, aber nicht in den Parks. Müller warnte: Die Pandemie ist noch nicht vorüber. Lockerungen gibt es trotzdem. Vielleicht ist Big Brother dieses Wochenende wieder unterwegs: dann aber in den Restaurants.

Müller hatte seine Ansprache in der Senatspressekonferenz noch nicht beendet, da war im Internet auf Youtube schon wieder alles verloren. Diverse User nutzen die Chat-Funktion der Video-Plattform. Nichts wollte man glauben. Alles sei inszeniert. Es war teilweise wirres Reichs- und Wutbürgergeschwurbel. Da ging eine Anfrage fast unter. Denn eine Frau wollte über die Kommentarfunktion bei Youtube wissen, wann sie denn endlich wieder ihrem Beruf nachgehen könne. Sie könne es nicht verstehen, dass sie weiterhin unter das Kontaktverbot falle, obwohl sie keinen intimen Kontakt zu ihren Kunden habe. Die Frau ist nach eigenen Angaben eine Domina.

Etwas aus der Rubrik „Halbwertzeit politischer Aussagen“

Jetzt muss man wissen, dass in der Senatskanzlei genau verfolgt wird, wie das Internet auf den Regierenden Bürgermeister reagiert. Dort wird auf die wirren Kommentare mit dem Verweis auf Fakten geantwortet. Auf die Frage der Domina und ihrem Verdienstausfall gab es allerdings keine Antwort.

Damit wären wir beim Thema Geld.

Diese Woche veröffentlichten die Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) ihren Geschäftsbericht für 2019. Das Landesunternehmen machte ein Minus von fast 60 Millionen Euro. Der Hintergrund ist nichts für Verschwörungstheoretiker, eher etwas aus der Rubrik „Halbwertzeit politischer Aussagen“. Das Defizit hängt damit zusammen, dass der Senat nicht Wort gehalten hat, als er versprach, die kräftige Lohnerhöhung der BVG-Beschäftigen durch Zuschüsse auszugleichen. Umso wichtiger sind die Einnahmen der BVG durch ihre Abonnenten. Mehr als 340 Millionen Euro oder 45 Prozent kommen von treuen Kunden.

Geldausgeben für den guten Zweck

Jetzt versteht man, dass das Unternehmen in der aktuellen Pandemie so rigoros schweigt, wenn es darum geht, den Monats- und Jahreskartenbesitzer zu entschädigen. Geld, das man erst einmal hat, gibt man nicht so gern wieder her.

Es sei denn: Es ist Steuerzahler-Geld, und man gibt es für einen guten Zweck aus. Womit wir wieder zur Senatskanzlei zurückkehren. Michael Müller verschickte kürzlich einen Brief zur Pandemie an alle Berliner Haushalte. Er diente der Information über Hilfsangebote und war in mehreren Sprachen verfasst. Der Abgeordnete Gunnar Lindemann wollte nun wissen, wie teuer der Brief war.

Für Druck, Konfektionierung und Porto zahlte die Senatskanzlei insgesamt 366.657,84 Euro. Und wie man in der Regierungszentrale meint, ist das gut angelegtes Geld. Was sicherlich stimmt. Auch für einen anderen Aspekt. Denn während die Corona-Kurve abflacht, steigen Müllers Popularitätswerte.