Aus dem Roten Rathaus

Wegen Coronavirus: Politik im Telko-Koller

Die Corona-Krise verändert alles, auch die Kommunikation der Entscheidungsträger. Die hängen permanent in Telefonschalten.

Joachim Fahrun berichtet über Berliner Landespolitik.

Joachim Fahrun berichtet über Berliner Landespolitik.

Foto: bm / BM

Politik ist auch im Regelbetrieb kein leichtes Geschäft. Wer gerne über „die Politiker“ mault, sollte sich mal klarmachen, wie viele Stunden diese Menschen in Gesprächen, Hintergrundrunden, Mauschel-Treffen, Koalitionsausschüssen, Ausschüssen und Bürgerdialogen verbringen. Politik besteht eben vor allem aus Kommunikation.

Angesichts der rasanten Frequenz weitreichender Entscheidungen in Zeiten der Corona-Krise hat sich der Aufwand noch einmal erhöht. Weil aber persönliche Treffen zur raren Ausnahme geworden sind, hängen die Entscheider jeden Tag viele Stunden an Telefonhörern und vor Bildschirmen.

Alle Nachrichten zum Coronavirus in Berlin, Deutschland und der Welt: Die wichtigsten Fragen und Antworten zum Coronavirus in Berlin haben wir hier für Sie zusammengetragen.

In unserem Newsblog berichten wir über die aktuellen Corona-Entwicklungen in Berlin und Brandenburg. Die deutschlandweiten und internationalen Coronavirus-News können Sie hier lesen.

Zudem zeigen wir in einer interaktiven Karte, wie sich das Coronavirus in Berlin, Deutschland, Europa und der Welt ausbreitet.

Alle weiteren wichtigen Informationen zum Coronavirus bekommen Sie hier. Die aktuelle Auslastung der Intensivstationen in Deutschland finden Sie in unserem Klinik-Monitor.

Telefonkonferenzen seien viel anstrengender

Eine neue Berufskrankheit breitet sich aus: der Telko-Koller. Telefonkonferenzen seien viel anstrengender als persönliche Treffen, stöhnt etwa ein führender Abgeordneter der Linken. Knackende Leitungen, rausgeflogene Kollegen, abgebrochene Verbindungen, all das mache die Diskussionen schwieriger. Und sie dauern auch länger. In persönlichen Runden verrate schon der Gesichtsausdruck der Kollegen, was sie von einem Argument hielten. Am Telefon müsse mühsam hintereinander abgefragt werden. Ihr habe nach anderthalb Stunden das Ohr geglüht, so eine Staatssekretärin. Ein Headset habe Linderung gebracht.

Auch die Videokonferenz erleichtert das Leben nur wenig. „Ich war fünf Stunden in Online-Meetings“ ist fast schon die regelmäßige Aussage von Senatsmitgliedern und anderen Spitzenpolitikern, wenn man sie als Journalist mal an die Leitung bekommt. Auch dieser Kontakt ist seltener geworden. Denn es entfallen die meisten Fahrten im Dienstwagen, die Politiker sehr oft für vertrauliche Telefonate auch mit Reportern genutzt haben.

Bei Videokonferenzen fällt viel mehr auf

Während man aus einer „realen“ Sitzung auch mal verschwinden und vielleicht aufs Klo, eine rauchen oder telefonieren gehen kann, fällt das bei Videokonferenzen irgendwie viel mehr auf, wenn das Kästchen auf den Bildschirmen der anderen plötzlich leer bleibt. Findige Zeitgenossen simulieren dann schon mal Probleme mit der Kamera, damit niemand sieht, wie sie sich nebenher im Homeoffice Kaffee kochen oder die Küche putzen. Denn natürlich erfordert nicht jedes Treffen mit dem x-ten Parteigremium wirklich die volle Aufmerksamkeit.

Aber auch die echten Treffen der Spitzenleute erfordern in diesen Tagen Kondition. Dauert in normalen Zeiten die Senatssitzung meistens kaum mehr als eine Stunde, debattierte Rot-Rot-Grün am Dienstag fünfeinhalb Stunden über die Lockerung der Corona-Auflagen. Die Teilnehmer präparieren sich für Marathonsitzungen. Grünen-Fraktionschefin Antje Kapek baute auf ihrem Pult neben dem Laptop eine Thermoskanne und zwei Plastikboxen mit Obst- und Gemüsestückchen auf. „Wer gut vorbereitet ist, kann länger sitzen“, ließ sie ihre Twitter-Gemeinde wissen.

Normalität wird bis zur Sommerpause nicht zurückkehren

Nachdem nun absehbar ist, dass die Normalität bis zur Sommerpause nicht zurückkehren wird, denkt die Politik nun aber auch über Möglichkeiten nach, wieder einen Arbeitsmodus zu finden. Vor allem das Abgeordnetenhaus muss Sorge tragen, um als Parlament die entfesselte Exekutive wieder ein stückweit unter Kontrolle zu bringen. Dafür gibt es aber keinen Plan. Ausschüsse als Online-Treffen wird es vorerst wohl nicht geben.

Immerhin: In der Krise konzentrieren sich die handelnden Personen auf das Wesentliche. Es werde weniger parteipolitisch agiert als sonst, heißt es allerorten. Man sei menschlich zusammengerückt. Kurz blitzt das neue Verhältnis bei den wenigen gemeinsamen öffentlichen Auftritten durch. Als Wirtschaftssenatorin Ramona Pop (Grüne) neulich sagte, man müsse auch in den Geschäften eine „Knuddelbildung“ vermeiden, sorgte sie für Heiterkeit. „Knuddel- oder Knubbelbildung“, fragte der Regierende Bürgermeister Michael Müller (SPD). Nach fast sechs Stunden Sitzung konnte er noch lachen.