Aus dem Roten Rathaus

"Tanzlustbarkeiten" - Wer schreibt so etwas?

Wer sich intensiv mit der Verordnung zur Eindämmung des Coronavirus beschäftigt, kommt ins Grübeln, schreibt Gilbert Schomaker.

Gilbert Schomaker berichtet aus dem Roten Rathaus.

Gilbert Schomaker berichtet aus dem Roten Rathaus.

Foto: Sebastian Gollnow/dpa; Reto Klar (Montage)

Berlin. Man soll ja selbst in Krisenzeiten wie diesen den Humor nicht verlieren. Manchmal hilft da auch der Berliner Senat mit seinen fachkundigen Beamten. Am Dienstag war er noch gestoppt worden, der neue Bußgeldkatalog. Rot-rot-grün war sich gar nicht grün, wie hoch die Strafen nun sein sollten. Am Donnerstag, nachdem der Regierende Bürgermeister die Sache an sich gezogen hatte, gab es dann am Abend die Einigung. Wie immer bei Verordnungen von Behörden liegt das Problem im Detail – und in der Formulierung, damit es auch jeder versteht.

Fangen wir bei den Details an. Das Verweilen auf einer Parkbank soll möglichst kurz sein. Die Berliner sollen ja zu Hause bleiben. Nun ist das aber so eine Sache: Denn Sportmöglichkeiten sind ausdrücklich erlaubt. Was wiederum die Sportexperten unter den Juristen und Politikern beschäftigte. Nämlich eine Antwort auf die Frage: Ist das Angeln weiterhin erlaubt? Antwort: Ja, wenn man genug Abstand zum Angelpartner lässt. Auch am Ufer gilt: 1,50 Meter mindestens.

Als Pandemie-Laie sieht man natürlich im Angeln einen riesigen Vorteil gegenüber anderen Sportarten. Die Übertragung durch Tröpfchen ist deutlich unwahrscheinlicher. Denn Schweigen ist unter Anglern immer schon das Gebot der Stunde gewesen.

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Schachmatt im Chlorwasser

Beim Schachspielen ist das komplizierter. Ich erinnere mich an meine Kindheit und das große Schachfeld in unserem Freibad. Da stand man also im Sommer, triefend nass von Chlorwasser und Schweiß, und versuchte mit Figuren, die einen halben Meter groß waren, dem Schachmatt zu entgehen. An solche Schachspiele kann der Senat nicht gedacht haben. Erstens sind die Freibäder ja geschlossen. Zweitens ziehen solche öffentlichen Schachduelle auch immer Publikum an. Und Rudelbildung am Schachbrettrand ist momentan definitiv untersagt. Wenn nun also das Schachspielen in der Öffentlichkeit noch erlaubt ist, bleibt die Parkbank, wo man aber nur kurz verweilen darf.

Nun hat die Sportart Schach zwar so etwas wie das Blitzschach als Untergruppierung erfunden. Im Höchsttempo von vielleicht fünf Minuten geht es dabei zu Sieg, Niederlage oder Remis. Aber Spaß macht ja eigentlich das stundenlange Grübeln darüber, ob man den Bauern von B3 auf B4 zieht. Das wiederum widerspricht der Verordnung, nach der man kurzweilig auf der Parkbank sitzen soll. Also Tipp an alle Schachspieler: Spielen Sie zu Hause auf dem Balkon.

Ein anderes Problem kommt aus der Verordnung selbst. Unter Paragraf 2 „Besondere Arten von Gewerbebetrieben“ findet sich in Absatz 1, was alles ausdrücklich verboten ist. Dazu zählen Messen, Spielhallen und Tanzlustbarkeiten.

"Tanzlustbarkeiten" - Was für ein Ausdruck

Herrlich: Tanzlustbarkeiten. Wer hat denn dieses Wort in die Verordnung geschrieben? Es ist klar, was gemeint ist: die verruchten, ohnehin schon gefährlichen – weil subversiven – Tanzveranstaltungen in Diskotheken und Clubs. In Kellern und alten Fabrikhallen. Also das Berlin, das wir und die Besucher aus aller Welt so lieben. Aber sie lieben es eben unter dem Begriff Nachtleben oder Tanzen oder Bars. Aber Tanzlustbarkeiten? Schauen wir in den Duden – ganz modern online. Antwort: „Leider gibt es für Ihre Suchanfrage im Wörterbuch keine Treffer. Vielleicht werden Sie in einem der anderen Seitenbereiche fündig.“

Also googeln. Man findet die Tanzlustbarkeit im Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. In einem Brief von Goethe an Schiller heißt es: „Durch die abermalige Ankunft von fremden Prinzen werden unsere Theater- und Tanzlustbarkeiten verruckt und gehäuft.“ Immerhin: Der Senat nutzt Goethes Wortschatz. Eine tolle Erfahrung für Germanisten. Für Tanzwillige und Betreiber von eben solchen Lustbarkeiten aber noch mal im Klartext: Türen zu, Musik aus. Bis mindestens nach Ostern. Ansonsten gibt es deutliche Geldbußen.