Aus dem Roten Rathaus

Georg Pazderski erlebt die Last mit der Doppelbelastung

Parteichef Georg Pazderski hört bei der AfD auf. Das liegt an der vielen Arbeit, aber auch an den Eigenheiten seiner Partei.

Georg Pazderski von der AfD bei einer Plenarsitzung im Berliner Abgeordnetenhaus.

Georg Pazderski von der AfD bei einer Plenarsitzung im Berliner Abgeordnetenhaus.

Foto: pa/Montage BM

Man kann Georg Pazderski allerlei vorwerfen. Aber ein Weichei ist der AfD-Politiker bestimmt nicht. Wer einst als junger Berufssoldat unter den Augen wenig sozialkompetenter Vorgesetzter komplett durchnässt stundenlang Wache schieben musste, wer es bis zum Oberst brachte und im Haifischbecken einer sich neu bildenden Partei jahrelang in vorderster Front stand, der hält viel aus. Aber parallel zwei Vollzeitjobs, wie es der Vorsitz einer Parlamentsfraktion und einer Partei nun mal sind? Wer schafft das schon auf Dauer?

Nur einige Politiker muten sich das zu. Annegret Kramp-Karrenbauer zum Beispiel, die gleichzeitig die Bundes-CDU und das Bundesverteidigungsministerium leitet. Oder Michael Müller, der hauptberuflich Berlin regiert und außerdem die angeschlagene SPD der Stadt führen soll. Nicht wenige seiner Sozialdemokraten behaupten, dass er mindestens das Partei-Ehrenamt eher nicht mit dem erforderlichen Einsatz ausfülle. Auch deswegen denken sie in der SPD darüber nach, Müller als Chef der Hauptstadt-SPD in die Wüste zu schicken.

Georg Pazderski (AfD) tritt mit 68 Jahren kürzer

Pazderski vermeidet dieses Risiko. Womöglich hätten ihn seine Parteifreunde abgewählt. Unzufriedenheit mit dem im AfD-Spektrum eher moderaten, staatstragenden Kurs des Ex-Nato-Offiziers gibt es unter den Rechtspopulisten durchaus. So kam Pazderski zu dem Schluss, mit seinen 68 Jahren kürzer treten und sich stärker der Familie widmen zu wollen.

Das kann auch daran liegen, dass der Posten an der Spitze der Berliner AfD wenig Freude bereitet. Die von Pazderski angestrebte Stärkung der AfD-Basis stockt. Mit nur etwas mehr als 1500 Mitgliedern ist die bei Wahlen so erfolgreiche Rechtspartei noch nicht einmal halb so groß wie die Berliner FDP. Dass jetzt der Verfassungsschutz den extrem rechten „Flügel“ und die Junge Alternative beobachtet, schreckt nach Einschätzung Pazderskis gemäßigte, bürgerliche Menschen von der Partei ab.

AfD sucht immer noch einen Veranstaltungsraum für den Landesparteitag

Überaus nervig stelle ich mir auch die unendliche Suche nach Veranstaltungsräumen vor. So hat die AfD gut zwei Wochen vor dem Termin noch keinen Ort für ihren Landesparteitag gefunden. Dabei ist die Wahl einer neuen Führung überfällig. Aber private Vermieter scheuen davor zurück, die AfD zu beherbergen. Aus Überzeugung oder weil sie – wie die Betreiber des Ballhauses Pankow – nicht ganz zu Unrecht Aktionen von linksgerichteten AfD-Gegnern fürchten. Mit Nötigungsklagen und der Androhung von Schadensersatzforderungen versucht Pazderski, die Situation zu retten.

Auch bei landeseigenen Organisationen blitzt die AfD ab. So will die landeseigene Betreibergesellschaft des Technologieparks Adlershof ihren Bunsen-Saal nicht hergeben, wo regelmäßig der Landesparteitag der Linken tagt. In Adlershof verweisen sie auf die Regel, in ihren Räumen keine Verfassungsfeinde sehen zu wollen. Und solche gebe es laut Verfassungsschutz, der Teile der Partei beobachtet, in der AfD durchaus. Das bestreitet nicht mal Georg Pazderski. Außerdem, so heißt es, hätten Stammkunden gedroht, den Saal nicht mehr zu mieten, wenn dort auch die AfD tagen dürfe.

Vielleicht muss Georg Pazderski noch lange als Notvorstand weiter machen

Erschwerend kommt hinzu, dass die AfD einen großen Saal benötigt. Denn beim Parteitag sind alle Mitglieder eingeladen, es könnten also mehrere hundert Menschen kommen. Die liefern sich dann einen stundenlangen Wahlmarathon, weil jedwede Absprache oder Vorabklärung für die Besetzung von Führungsposten als undemokratischer Brauch von „Altparteien“ gesehen wird.

Aber mit einer fulminanten Rede einen wichtigen Posten in einer Partei ergattern zu können, ist nicht demokratisch, sondern willkürlich und chaotisch. Ich prognostiziere mal, dass man sich auch bei der AfD irgendwann von dieser Praxis verabschieden wird. Aber vielleicht findet die AfD ja keinen Raum – und Pazderski muss noch lange als Notvorstand weiter machen.