Aus dem Roten Rathaus

Michael Müller und seine Sprecherinnen

Der Senatschef hat es nicht leicht mit seiner Kommunikation. Nun muss er Ersatz für Claudia Sünder suchen, beobachtet Joachim Fahrun.

Joachim Fahrun berichtet über Berliner Landespolitik.

Joachim Fahrun berichtet über Berliner Landespolitik.

Foto: bm / BM

Berlin. Michael Müller wird seine Stimme verlieren. Nicht wegen einer Erkältung, die im Herbst viele Berliner erwischt. Sondern wegen Regierungssprecherin Claudia Sünder, die pünktlich zu ihrem 50. Geburtstag angekündigt hatte, im April Geschäftsführerin eines Projektentwicklers zu werden und das Rote Rathaus verlassen zu wollen. Gestalten wolle sie, sagt Sünder, und die Chance ergreifen, noch einmal etwas anderes zu machen. Keinesfalls gebe es „Fluchtreflexe“, weil das Verhältnis zum Regierenden Bürgermeister nicht stimme. „Dann gibt es wenigstens einen aus dem Senat, der baut“, sagt die meist gut gelaunte Mecklenburgerin.

Die nach zweieinhalb Jahren im Amt erfolgte individuelle Karriereentscheidung der gelernten Kauffrau für Grund- und Wohnungswirtschaft, die Müller 2017 von der landeseigenen Wohnungsbaugesellschaft Degewo ins Rathaus geholt hatte, soll hier gar nicht Thema sein. Obwohl im Kreise der Koalitionspartner schon kritisch angemerkt wird, warum denn Sozialdemokraten immer noch so gerne in die hauptstädtische Immobilienwirtschaft wechseln. Mit dieser Branche liegt man politisch eigentlich wegen Mietendeckel und Enteignungsdebatten ziemlich über Kreuz. Und ein Wechsel während der Legislaturperiode ist natürlich ungewöhnlich, denn im Idealfall sind Sprecher eben auch enge Gefolgsleute ihres Chefs.

Vor allem aber fügt Sünders angekündigter Abgang Müllers ohnehin nicht kleinen Problemen ein weiteres hinzu. Wenn einem Regierungschef keine zwei Jahre vor der nächsten Wahl seine Kommunikationsexpertin von der Fahne geht, muss man das nicht als Zeichen des Vertrauens werten. Böse Zungen munkeln, hier bringe sich jemand in Sicherheit, ehe es mit Müller und der SPD weiter bergab geht. Man wird sehen, wie viele qualifizierte Leute den Job für eine womöglich ziemlich kurze Zeit übernehmen wollen.

Der Regierende Bürgermeister hatte zuletzt kein Glück mit seinen Sprecherinnen. Im Herbst 2016 entließ er nach einem Zerwürfnis seine langjährige Vertraute Daniela Augenstein. So musste er die rot-rot-grünen Koalitionsverhandlungen ohne Sprecherin durchstehen, was dem Bild des größten Bündnispartners nicht förderlich war. Aber Müller ist so, Außendarstellung ist ihm wechselnd wichtig. Nicht immer hatte ich als Beobachter den Eindruck, dass er seine Kommunikation mit Claudia Sünder abgestimmt hätte. So lief Müllers Prestigeprojekt eines solidarischen Grundeinkommens an ihr weitgehend vorbei. Stattdessen agierte Müllers Vertrauter und Strategie-Chef Robert Drewnicki, der ohnehin bisweilen als Neben-Sprecher wirkt.

Auch in seinem zweiten Job als SPD-Landeschef musste Müller den Verlust seiner Sprecherin hinnehmen. Birte Huizing wollte lieber Lehrerin werden als weiter im Kurt-Schumacher-Haus zu versuchen, die vielstimmige SPD und ihren schwer zu greifenden Vorsitzenden nach außen zu vertreten. Inzwischen ist Ersatz gefunden. Claudia Kintscher kommt von der Fachgemeinschaft Bau, einem Lobby-Verband, der die Senatspolitik überaus kritisch begleitet.

So muss Müller sehen, wie er in den kommenden Monaten kommuniziert. Dabei werden die Aufgaben nicht leichter. Im rot-rot-grünen Bündnis rumort es. Die Umfragen für die SPD und für Müller persönlich bleiben mau. Im Mai muss sich Müller auf einem SPD-Landesparteitag zur Wiederwahl stellen. In der Partei gibt es Überlegungen, Müller an der Spitze abzulösen. Womöglich könnte das im Rahmen einer neu zu installierenden quotierten Doppelspitze passieren. Gleichzeitig zeigt sich Bundesfamilienminister Franziska Giffey auffällig oft auf Berliner Landes-Parkett, sei es beim SPD-Landesparteitag, beim Bierabend der Unternehmerverbände oder beim Vorlesetag des Wirtschaftsclubs VBKI. Wenn Müller erfolgreich dagegen halten will, sollte er schnell seine Stimme wieder gewinnen.