Aus dem Roten Rathaus

Michael Müller unterwegs in Buenos Aires und Montevideo

Müller ist auf Dienstreise. In der Heimat legt derweil eine SPD-Politikerin einen fulminanten Auftritt hin, schreibt Gilbert Schomaker.

Gilbert Schomaker berichtet aus dem Roten Rathaus.

Gilbert Schomaker berichtet aus dem Roten Rathaus.

Foto: Sebastian Gollnow/dpa; Reto Klar (Montage)

Berlin. Weiter weg geht es fast nicht mehr. Berlins Regierenden Bürgermeister hat es ans Ende der Welt verschlagen. Michael Müller ist in diesem Tagen 15 Flugstunden von der Heimat entfernt in Argentinien und Uruguay – und das hat seine Gründe.

25 Jahre Städtepartnerschaft Berlin-Buenos Aires gilt es zu feiern. So besucht Müller das Instituto Judio de Investigaciones, wo mithilfe des Fraunhofer Instituts Dokumente zur jüdischen Geschichte und Kultur, die durch einen Terroranschlag zerstört wurden, wieder hergestellt werden. Bei der Konferenz der United Cities and Local Governments geht es um die kulturelle Zusammenarbeit von Städten und Regionen. Ins Theater geht Müller auch noch. So steht auch ein Besuch im Teatro Colón an, das seit vielen Jahren mit der Berliner Staatsoper zusammenarbeitet.

In Argentinien ist Müller gern gesehener Gast

Man könnte fast meinen, dass das Theater am anderen Ende der Welt ohnehin besser ist als das Theater zu Hause, zumindest in der rot-rot-grünen Koalition. Zuletzt hatte Müller ja für Aufsehen gesorgt, als er auf dem SPD-Parteitag den Koalitionspartnern den gesunden Menschenverstand absprach. Überhaupt Argentinien. Da ist Müller ein gerngesehener Gast – anders als in Teilen seiner Partei, die ihm mit Anträgen zur Enteignung und zur Bundeswehr das Leben schwer machen. Schon vor vier Jahren besuchte Müller Buenos Aires. Seitdem gibt es eine Urkunde, die Müller zum Ehrengast erklärt, wann immer er sich in der argentinischen Hauptstadt aufhält.

Insgesamt sechs Tage dauert die Reise, die den SPD-Politiker auch nach Uruguay führt. In Montevideo fungiert Müller als Präsident des Netzwerks Metropolis, in dem 139 Städte organisiert sind. Man trifft sich in der Stadt, die eine wunderschöne Altstadt und einen herrlichen Blick aufs Wasser garantiert, zur Vorstandssitzung. Es gibt sicherlich schlimmere Sitzungstermine und -orte.

Müller wird also nicht in Berlin sein, wenn am heutigen Sonnabend Tausende Menschen gegen explodierende Mieten und für die Enteignung großer Wohnungskonzerne wie der Deutschen Wohnen demonstrieren werden. Aber auch am anderen Ende der Welt werden ihn die Bilder und Nachrichten erreichen.

Franziska Giffey sucht die Nähe der Berliner

Während Müller also weit weg ist, sucht eine andere bewusst die Nähe der Berliner. In dieser Woche ging es um die Unternehmer. Bundesfamilienministerin Franziska Giffey, die innerhalb der Berliner SPD als mögliche Nachfolgerin für Müller gilt, legte einen fulminanten Auftritt in der Industrie- und Handelskammer hin. Sie gab sich als bürgernah („Ich fahre zum Entsetzen des Bundeskriminalamts auch mal U-Bahn“), betonte ihre Liebe zu Berlin („Berlin ist geil, das darf man aber so nicht sagen. Also Berlin ist die tollste Stadt der Welt“) und sie erklärte ganz genau, was das größte Berliner Problem ist: „Die Wohnungsfrage ist die essenzielle Zukunftsfrage der Stadt.“ Auch die Sprache, die Giffey, vormals Bürgermeisterin von Neukölln, nutzt, ist umgangssprachlich. „Isso“ fügte sie zur Betonung ihrer Aussagen immer wieder an.

Die im Saal anwesenden Unternehmer begeisterte Giffey auch mit ihrer bodenständigen Art. Gefragt nach den Freitagsdemonstrationen der Schüler, antwortete sie so, wie es viele Eltern im Saal es auch sehen. Einmal für den Klimaschutz demonstrieren, möglicherweise im Rahmen eine Schul-AG, das sei okay. Aber dank „Fridays for Future“ zu einer Vier-Tage-Schulwoche zu kommen, das gehe nicht. Das Publikum in der IHK jedenfalls dankte ihren Auftritt mit viel Applaus.

An dem Tisch, an dem ich saß, sagte ein Zuhörer einen Satz, der eigentlich ein anderes SPD-Urgestein beschreibt, nämlich den langjährigen Ministerpräsidenten von Rheinland-Pfalz, Kurt Beck: „Die Giffey, die ist bei de Leut.“

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