Aus dem Roten Rathaus

Nach den Sternen greifen

Welche Vorteile es in Berlin hat, wenn der Regierende Bürgermeister auch die Wissenschaft verantwortet, erklärt Gilbert Schomaker.

Gilbert Schomaker ist stellvertretender Chefredakteur

Gilbert Schomaker ist stellvertretender Chefredakteur

Foto: Monika Skolimowska/dpa /Reto Klar

Der 19. Dezember 2017 war ein Höhepunkt im Leben des Regierenden Bürgermeisters. Als Kind wollte Michael Müller immer Astronaut werden. Abheben, hoch zu den Sternen. Am 19. Dezember 2017 sollte der SPD-Politiker, der am Boden bleiben musste, auf den deutschen Astronauten schlechthin treffen, auf Alexander Gerst. Müller verlieh dem Wissenschaftler an ebenjenem Tag kurz vor Weihnachten die Urania-Medaille, für die besondere Leistung des Astronauten, der die Weltraumforschung einer breiten Öffentlichkeit bekannt gemacht hatte. Gerst hatte ständig über seinen Alltag, seine Experimente und sein Fitnesstraining auf der Internationalen Raumstation ISS geschrieben. Wissenschaft zum Anfassen. Live in den sozialen Netzwerken. Gut ein Jahr später ist Müller immer noch auf dem Boden geblieben, aber immerhin im dritten Stock der Urania – und er erinnert sich an Gerst.

Das sei schon ein Highlight in seiner Zeit als Regierungschef gewesen, die Medaillenverleihung, so Müller in dieser Woche. Einen, der im Himmel war, trifft man ja nicht alle Tage – auch nicht als Regierender Bürgermeister. An diesem Abend geht es aber wieder ganz irdisch zu. Es geht um die Frage: „Was bringt die Wissenschaft der Stadt?“ Müller ist eingeladen, denn er verantwortet als Regierender Bürgermeister auch die Wissenschaft in der Hauptstadt.

Aber im Gegensatz zu Gerst, der Millionen Fans mit seinen Tweets begeistern konnte, ist die Begeisterung für die Wissenschaft im politischen Alltagsgeschäft eher gering. 50 Interessierte sitzen im Saal Voltaire unterm Dach der Urania. Müller müht sich, seine eigene Begeisterung für das Thema zu vermitteln. 250.000 Menschen arbeiten, studieren und lehren an den Universitäten und Hochschulen der Stadt. Die Reputation vieler Einrichtungen ist groß. Hunderte Millionen Euro fließen in die Hochschulen. Aber trotzdem ist das Thema im Tagesgeschäft spröde.

Es war eine Grundsatzentscheidung, welches Thema Müller nach den Koalitionsverhandlungen von Rot-Rot-Grün persönlich bearbeiten wollte. Sein Vorgänger Klaus Wowereit hatte auf die Kultur gesetzt. Arm, aber sexy, das passte zur Kultur, und die Kultur passte zu Wowereit. Diese Aufgabe übernahm Müller auch zunächst. Von 2014 bis 2016 war auch er Kultursenator. Doch dann wählte er den Bereich Wissenschaft – und koppelte sich auch da von seinem Vorgänger ab. In Hintergrundgesprächen betont Müller immer wieder, dass ihm das wirklich Spaß mache. Er sieht in der Digitalisierung die ganz große Chance für die Wissenschaft, aber auch für die Stadt Berlin.

An diesem Abend in der Urania gesteht Müller aber auch, dass es wohl andere Themen sind, die bei den Berlinern Vorrang genießen: die Bekämpfung der Wohnungsnot, die Sanierung der Schulen, ein funktionierender Verkehr. Bei diesen Themen quält sich die rot-rot-grüne Koalition immer wieder zu Beschlüssen. Häufig befindet man sich in der politischen Tiefebene. Da ist das mit der Wissenschaft schon etwas anderes. Da gibt es Erfolge wie den Siemens-Campus oder den Aufbau eines gemeinsamen Herzzentrums. Und es gibt auch persönliche Erfolge. Das wird deutlich, als Müller von seiner Begegnung mit hochkarätigen Wissenschaftlern erzählt. Vor Kurzem nämlich begutachtete die Jury des Exzellenzwettbewerbes das Vorhaben der Berliner Universitäten, die von Müller unterstützt werden. Dabei geht es im nationalen Wettbewerb der Hochschulen um viel Geld und noch mehr Renommee. Als der Regierende Bürgermeister vor den Wissenschaftlern den Berliner Beitrag präsentierte, sagte er: „Ich wette, dass haben Sie auch noch nicht erlebt, eine Präsentation von einem Wissenschaftssenator – ohne Abitur und Studium.“ Müller ist gelernter Drucker, aber dank der Politik kann er auch mal nach den Sternen greifen – zumindest als Wissenschaftssenator.