Die Woche im Rathaus

Berlin - So ist das schöne Leben in Absurdistan

Querungshilfen für die Tiere und kostenlose Luftpumpen. Willkommen in Berlin, der Hauptstadt Absurdistans, meint Gilbert Schomaker.

Foto: Reto Klar

Berlin. Brücken für Eichhörnchen, öffentliche Luftpumpen und zu viel Farbe für Fahrradwege. Willkommen in Berlin, der Hauptstadt Absurdistans.

Berlin schwimmt im Moment im Steuergeld. Die Einnahmen sind hoch. Nun droht die Stadt zu ertrinken – an gut gemeinten Ideen. Zum Beispiel im Bezirk Tempelhof-Schöneberg. Dort wird zwischen dem Haus am Kleistpark und einem Gebäude an der Grunewaldstraße ein Seil gespannt. Darüberlaufen sollen Eichhörnchen. Richtig gelesen. Eichhörnchen. Ihnen droht nämlich beim Überqueren der Straße der Tod.

So eine Brücke gibt es schon am Müggelseedamm. Nun soll es bald eine erste in der Innenstadt geben. Brandenburg hat es ja vorgemacht. Mit einem Wanderweg für Fischotter. Ja, auch hier haben Sie richtig gelesen. Diese Woche wurde er eingeweiht. Die Otter sollen auch hier nicht über die Straße, sondern auf einem Uferweg und durch eine Unterführung sicher weiterkommen können. Noch ist in beiden Fällen unklar, ob sich die Politiker auch dazu durchringen können, Hinweisschilder für die Tiere aufzustellen, damit diese auch den Weg finden. Der Fischotter-Wanderweg kostet übrigens 25.000 Euro, die Kosten für das Seil und die Anbringung desselben sind noch unklar. Klar ist allerdings: Sollte sich die Idee bewähren, wollen die Bezirksverordneten eine Seilschaft bilden und den Versuch ausweiten.

Eine andere Idee stammt aus der Senatsstadtentwicklungsverwaltung. Berlins Radwege sollen grün werden. Damit sie sichtbarer sind und so sicherer werden. Das ist auf bestimmten Straßen auch sinnvoll. Allerdings ist die Frage: Müssen bisher supergut in Schuss gehaltene und sichere Radstreifen, wie der vor der Freien Universität in Dahlem, wirklich mit grüner Farbe versehen werden? Wäre es nicht sinnvoller, mit dem Geld echte Gefahrenstellen an Kreuzungen umzubauen? Dem Vernehmen nach soll übrigens die Senatorin höchstpersönlich den genauen Farbton ausgewählt haben.

Jetzt meinen Sie, man könnte das Steuergeld auch mal für Sinnvolleres ausgeben. Gut, bleiben wir beim Radfahren und werfen noch mal einen Blick nach Tempelhof-Schöneberg. Weil es ja immer mehr Fahrradfahrer gibt, soll das Bezirksamt nun prüfen, ob in diesem Berliner Bezirk sechs öffentliche Luftpumpen eingerichtet werden können. Für jeden Ortsteil eine. Auch das ist kein verfrühter Aprilscherz. Nein, Kevin Kühnert, hauptberuflich Bundes-Juso-Vorsitzender, sitzt auch in der Bezirksverordnetenversammlung Tempelhof-Schöneberg und macht dort politische Basisarbeit. Der Bezirk solle sich ein Beispiel an anderen Fahrradstädten nehmen. Dort gibt es schon solche Pumpstationen. 2000 Euro sollen sie kosten.

Aber eigentlich besitzt doch quasi jeder Fahrradfahrer auch eine Pumpe. Meist ist sie ja bei der Anschaffung eines Fahrrads dabei. Oder man hat eine im Keller. Oder, wenn es ganz schlimm kommt, fährt man zum nächsten Fahrradladen.

Dazu kommt die bittere Radfahrerwahrheit: Die meisten überraschenden Fahrradplatten entstehen doch, weil man durch Glasscherben gefahren ist. In der Logik der Sache müsste man die Pumpstationen nun auch noch mit Wassereimern und Flickzeug ausstatten, um den Pannendienst zu gewährleisten. Oder man nutzt die BVG, um einen stadtweiten Fahrradabschleppservice aufzubauen. Irgendwie ist die Stadt ja auch dafür verantwortlich, dass der gemeine Radfahrer mit seinem defekten Rad den Weg zur nächsten Pumpstation schafft.

Die weitere Planung könnte so aussehen, dass ein stadtweiter ADFC-Pannendienst mit Steuergeld aufgebaut wird. Ein Werkstattdienst, der vor Ort dem pannengeplagten Radfahrer hilft. 24 Stunden erreichbar, mit Garantie-Eintreffzeiten und schneller, unbürokratischer Arbeit. Und kostenlos, da mit Steuergeld finanziert. Vielleicht kann ja der Senat eine Machbarkeitsstudie hierzu in Auftrag geben.

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