Woche im Roten Rathaus

Kapitän Michael Müller kämpft mit Gegenströmungen

Der Regierende Bürgermeister besucht das Patenschiff „Berlin“, aber ist selbst auch in unruhigem Fahrwasser, meint Gilbert Schomaker.

Gilbert Schomaker / Berliner Morgenpost

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Foto: Reto Klar

Berlin. Manchmal braucht man als Politiker ja auch ein wenig Glück. Das hatte Berlins Regierender Bürgermeister gleich am ersten Tag nach seinem Urlaub.

Am Montag kehrte Michael Müller in die Senatskanzlei zurück. Nach der Erholung wartet die Arbeit – aber es erwarteten ihn ausnahmsweise mal keine schlechten Zahlen. Denn mit den Umfragewerten kämpfen die Berliner SPD und ihr Vorsitzender Müller seit Monaten. Aber an diesem Montag lautet die Meldung: „Mehrheit der Brandenburger ist mit Woidke unzufrieden“. Der Ministerpräsident des Nachbarlandes schnitt in einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Forsa für RTL/n-tv schlecht ab. 46 Prozent der Befragten sind mit Woidke unzufrieden, zufrieden sind nur 44 Prozent. In der Umfrage wurden auch die anderen Ministerpräsidenten bewertet. Platz eins ging an Baden-Württembergs Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann (Grüne).

Und Müller? Der hatte, wie erwähnt, Glück. Denn normalerweise schneidet die Berliner Landesregierung bei solchen Befragungen schlecht ab. Doch in der Forsa-Umfrage wurden nur die Ministerpräsidenten der Flächenländer beurteilt, die der Stadtstaaten Bremen, Hamburg und Berlin blieben außen vor.

Also konnte Müller unbelastet in den Arbeitsalltag starten. Die Europameisterschaft der Leichtathleten musste eröffnet, die Topmanager von Siemens mussten umschmeichelt werden. Ersteres war ein – sagen wir mal – Termin zum Genießen. Letzteres war eher schwierig. Denn Müller hatte sich in sehr deutlichen Worten („eine Schande“) zum angekündigten Arbeitsplatzabbau bei Siemens geäußert. Nun, da die Entscheidung ansteht, wo der Konzern 600 Millionen Euro investieren will, suchen die Berliner wieder das Gespräch. Dass mit der Schande hat man bei Siemens nicht vergessen. Aber das Unternehmen rechnet auch, weiß um die Bedeutung für Berlin und warum Wissenschaft und Berlin so gut zueinander passen. Zudem ist Berlin für junge Menschen attraktiv – weltweit. Eigentlich also ideale Bedingungen für den geplanten Siemens-Campus. Mal sehen, ob Berlin den Zuschlag erhält.

Einige Genossen bemängeln Müllers Führungsqualitäten

Ein anderer Termin in dieser Woche dürfte Müller mehr Freude bereitet haben. Seit Donnerstagnachmittag ist Müller auf hoher See. Der Regierende Bürgermeister ist zu Gast auf dem „Einsatzgruppenversorger Berlin“, dem Patenschiff der Hauptstadt. Beim vergangenen Hoffest im Roten Rathaus war ein Modell der „Berlin“ enthüllt worden. Müller erhielt zudem eine Einladung, das Original zu besuchen. Das Marineschiff, das schon im Kampf gegen Piraten und zur Menschenrettung im Mittelmeer eingesetzt wurde, fährt im Moment in der Nordsee. Per Hubschrauber, Typ Sea-King, wurde Müller mit einer kleinen Delegation an Bord gebracht. Es gibt Gespräche mit dem Fregattenkapitän und der Besatzung sowie Führungen über den Versorger der Bundesmarine.

Das Schöne an der Marine ist ja, dass es Befehl und Gehorsam gibt. Natürlich mit einem mündigen Untergebenen. Aber eben Befehl und Gehorsam. Das ist in der Politik, zumal in Berlin, meist nicht so. Bei den Sozialdemokraten bemängeln einige aus der Führungsebene, dass der oberste Kapitän Führungsqualitäten vermissen lasse. Zu häufig könnten Koalitionäre das Senatsschiff ins Schlingern bringen. In der SPD ist vor allem die Linkspartei ins Visier geraten, die in Umfragen zuletzt vor den Sozialdemokraten lag. Nichts wäre für die SPD schlimmer als ein möglicher Kommandowechsel nach der nächsten Wahl. Nicht von ungefähr bastelt man in der Senatskanzlei mit „Berlin 2030“ an einer Strategie, um auch über den nächsten Wahltag erfolgreich regieren zu können.

Gleichzeitig gibt es eine Gegenströmung in der SPD um den ehemaligen Senatskanzleichef und heutigen Staatssekretär im Bundesarbeitsministerium, Björn Böhning. Am 30. August will man eigene Ideen diskutieren. Das Fahrwasser in der SPD bleibt unruhig – auch für Kapitän Müller.

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