Lebenslagen

Unter Sachsen: So wird man schnell wieder gesund

Die Tatsache, dass in China die Menschenrechte und die Pressefreiheit missachtet werden, hat das Internationale Olympische Komitee völlig überraschend getroffen. Damit hatte beim IOK niemand gerechnet.

Die Herren, die mit den Olympischen Spielen Milliarden verdienen, hatten vermutet, China sei ein Hauch der Freiheit. Peking eine Art Disneyland. Alle sind gut drauf. Sogar die Smog-Werte haben sie für die lieben Gäste aus aller Welt heruntergefahren.

Im Grunde sind die Chinesen die Sozialdemokraten im Reich der Mitte: Man kann alles sagen, nur nicht so laut und nicht in der Öffentlichkeit. Sonst . . .

Und schon sind wir bei dem sperrigen Wolfgang Clement, der, hört man, soll, um seinen Parteiausschluss zu verhindern, eine Unterlassungserklärung unterschrieben haben. Er verpflichtet sich, nie wieder eine kritische Äußerung über die SPD zu machen. Die Namen Ypsilanti und Schröder darf er nicht mehr in den Mund nehmen. Die Erwähnung der "Agenda 2010" ist strikt untersagt. Überhaupt hat er sozialdemokratische Themen nicht zu kommentieren.

Am Donnerstag ist Clement schon ein bisschen zurückgerudert - die strengen Maßnahmen der Partei zeigen erste Erfolge. Am Ende wird der Mann noch neuer SPD-Vorsitzender.

Während alle Welt nach Peking schaut, schaue ich mir Sachsen an. Mache hier im schönen Bad Schandau an der Elbe in einer Kurklinik eine Anschluss-Heilbehandlung. An meinem Tisch im Speisesaal sitzen ausschließlich Sachsen, die jeden Tag über ihre Krankheiten reden. Geht zu wie früher bei Oma, wo es an Geburtstagen immer nur um das Wohlbefinden - besser: das Schlechtbefinden - ging. Als Kinder hat uns das immer genervt. Und jetzt bin ich selbst im Thema und erzähle von meiner Magen-OP. Beim Frühstück konnte ich gerade noch verhindern, dass uns ein anderer "Frischoperierter" seine OP-Narbe zeigte.

Ansonsten sind meine sächsischen Tischnachbarn sehr nett. Erzählen mir als "Ossi ehrenhalber" gern, dass früher alles besser war. Es gab mehr Kühe, die Schweine waren fetter, die Kartoffeln haben noch nach Kartoffeln geschmeckt - und auch der Kräutertee war schmackhafter. Ich kann das alles nicht beurteilen und sage dann immer: "Da kann schon was dran sein!" Ich glaube, meine Sachsen haben mich richtig lieb. Allerdings verstehe ich den Dialekt nur schwer. Wusste auch nicht, warum sie am Ende eines jeden Satzes "Nu" sagen. Hat mir aber jemand erklärt. Der Dresden-Sachse gebraucht das "Nu" zuerst, um ja zu sagen oder sein Einverständnis zu erklären. Es beruht auf dem sprachlichen Ursprung des Landes, nämlich dem Slawischen. Noch heute sagen die Nachbarn in Tschechien "Ano" für "Ja", verkürzen aber meistens auf "No". Beim Sachsen heißt das "Nu". Übrigens auch in Schweden. So ist der Sachse im Nu ganz international geworden. Nu?

Das "Nu" ist kult. Der Dresdner Schauspieler und Kabarettist Uwe Steimle hat die Werbefachleute verblüfft, als er den Slogan "Dresden. Nu" vorschlug. Alle sind begeistert. So einfach, so gut! Wenn man da an die Klimmzüge der Berliner Slogan-Fahnder denkt . . . Berlin mag sexy sein, aber Dresden ist einfach Säggsy. Nu!

Lesen Sie in der nächsten Woche, warum ich in Sachsen keinen Kurschatten fand.

In Russland sollen jetzt Lehrer bestraft werden, wenn ihre Schüler schlechte Noten bekommen. Schwache Leistungen sprechen für eine schlechte pädagogische Leistung. In diesem Fall werden den Lehrern Prämien gestrichen. Wenn ich so zurückdenke - meine Pauker wären bei mir ganz schön arm geworden.

E-Mail: bernd.philipp@morgenpost.de