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Digitalisch für Anfänger: Was Internet-Sprache wirklich sagt

Share, Like, Captology: Das Internet hat seine eigene Sprache. Unser Kolumnist hat ein kleines Wörterbuch Digitalisch-Deutsch erstellt.

Wer im Internet surft, bewegt sich auch in einer anderen Sprachsphäre. Unser Wörterbuch Digitalisch-Deutsch hilft beim Verstehen.

Wer im Internet surft, bewegt sich auch in einer anderen Sprachsphäre. Unser Wörterbuch Digitalisch-Deutsch hilft beim Verstehen.

Foto: Zacharie Scheurer / dpa-tmn

Berlin. Wer sich im Internet bewegt, sollte einige Fachbegriffe kennen. Unser Autor Hajo Schumacher leistet Hilfestellung – mit einigen Übersetzungshilfen vom Digitalischen ins Deutsche:

360-Grad-Feedback, das

System, das Arbeitnehmende rundherum überwacht, bis hin zur Klonutzungsdauer.

bequem/smart

Bitte nicht genauer hinschauen, sondern einfach „Okay“ klicken.

Captology, die

Lehre von der Manipulation der Menschen mit Hilfe digitaler Tricks, vor einem Vierteljahrhundert an der Stanford-Universität etabliert. Ziel ist es, die Nutzer zum Kauf, zur Aktion oder zum Verweilen zu bewegen. Bedient sich Erkenntnissen aus der Verhaltenspsychologie, etwa, dass der Mensch bequem ist und nach Anerkennung giert. Beispiel: Ein großer runder roter Knopf mit Smiley und der Aufforderung „Jetzt hier drücken“ wird häufiger gedrückt als ein kleines blaues Quadrat mit Pfeil. Der Facebook-Daumen gilt als Musterbeispiel für ein Captology-Instrument. Für eine Handvoll Likes gehen Nutzer über Leichen.

„Einfach zu installieren“

Anderer Ausdruck für „ruiniertes Wochenende“. Denn leider fehlen die Systemvoraussetzungen, außerdem zickt die Firewall, die Telefon-Hotline ist dauerbelegt und die Anleitung im Netz nur auf Ungarisch.

Engagement, das

Auch als „Sucht“ bekannt. Was nach freiwilligem Einbringen klingt, bedeutet das Gegenteil: Ein willenloser Digitaljunkie kann sich vom Bildschirm nicht lösen, weil ihn die Tricks der -> Captology bannen. Je länger der Mensch starrt, desto mehr Daten liefert er an die Sammler.

Influencer, der

Mensch, der für Geld Produkte lobt.

kostenlos

Bezahlung eines Dienstes oder einer App nicht mit Geld, sondern mit gelieferten Daten, die ein Konzern monetarisiert. Wie sonst sollten Gratis-Angebote wie Facebook, Google, Instagram Milliardengewinne liefern?

Like, der

Kurzes digitales Klatschen in der Hoffnung, vom Gelikten alsbald einen Dankes-Like einzustreichen.

mobiles Arbeiten, das

Verlagerung von Miete, Strom, Kaffee, Risiken von der Firma ins Privatleben bei voller digitaler Kontrolle. -> 360-Grad-Feedback.

neues Feature, das

Tückische neue Spielerei, die die Abhängigkeit verstärken soll. Ungefähr so, als ob man Cannabis mit Kokain bestäubt.

Privatsphäre, die

„Privat“ im klassischen Sinn bedeutet wie etwa in „Privateigentum“ oder „Privatwohnung“, dass der Bürger die Hoheit über seinen Besitz oder einen bestimmten Raum hat. Im Internet gibt es allerdings kein „privat“. Wie auch? Das Unprivate ist Basis des Geschäfts, Daten sind der Treibstoff der Digitalwirtschaft.

Auf Digitalisch bedeutet „privat“, dass der Nutzer in seinen Sicherheitseinstellungen ein wenig abmildern kann, was gesammelt, wofür genutzt und wohin verscherbelt werden kann.

Quantencomputer, der

Digitaler Mythos wie etwa „Kernfusion“ im Energiesektor. So wie der Fusionsreaktor märchenhafte Mengen Strom ohne Rückstände liefern soll, rechnet der Q. die Menschheit eines Tages glücklich. Der Q. ist zentraler Bestandteil der digitalen Erzählung, weil er für alle aktuellen Probleme die Universallösung verheißt. Wann? Bald. Also nächstes Jahr. Auf jeden Fall noch vor der Kernfusion.

sharen

Eigentlich „teilen“, was im Kindergarten heißt, dass ein Knirps von seinem Geburtstagskuchen jedem anderen Kind ein faires Stück abgibt. Aufs Jahr gerechnet hat jeder gegeben und bekommen. Sh. dagegen bedeutet einseitiges Abliefern.

Thumbstopper, der

Digitale Bremse, um vor allem junge Menschen, die in affenartigem Tempo durchs Smartphone wischen, dazu zu bewegen, auch mal eine Werbung zu begucken. Das Design von T.n ist eine Spezialdisziplin der -> Captology.

„Wir haben unsere AGB geändert, du musst nichts weiter tun.“

Gern von Digitalkonzernen verwendete Floskel, die in etwa bedeutet: „Unsere Anwälte haben ein paar Formulierungen nachgeschärft, um einem weiteren harmlosen Gesetz Genüge zu tun. Nachlesen ist sinnlos, weil bis Seite 47 ohnehin keiner durchhält.

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Weniger Pling: Fünf Tipps für gesundes Surfen im Netz

• Seine digitalen Abenteuer beschreibt Netzentdecker Hajo Schumacher in seinem neuen Buch „Kein Netz!: Geld, Zeit, Laune, Liebe – Wie wir unser wirkliches Leben zurückerobern“, das am 30. September im Eichborn-Verlag erscheint.

• Digitale und andere Themen in Corona-Zeiten behandelt Hajo Schumacher in seinem täglichen Mutmach-Podcast „Wir gegen Corona“.