Nachtgestalten

Wie aus "Hallo"-Sagen medizinische Hilfe wurde

| Lesedauer: 4 Minuten
Dieter Puhl
Dieter Puhl arbeitet seit 30 Jahren in der Wohnungslosenhilfe der Berliner Stadtmission, seit 2019 führt er die Stabsstelle für christliche und gesellschaftliche Verantwortung.

Dieter Puhl arbeitet seit 30 Jahren in der Wohnungslosenhilfe der Berliner Stadtmission, seit 2019 führt er die Stabsstelle für christliche und gesellschaftliche Verantwortung.

Foto: Reto Klar / FUNKE Foto Services

Manche Hilfsprojekte entstehen eher zufällig. Kolumnist Dieter Puhl über eine Begegnung mit einer Frau mit weitem Herzen.

Meist dienen Kaffeehausbesuche meiner Entspannung. Oft bin ich dort für mich, lese, schaue Luftlöcher, mag Kaffee, aber auch mal einen Wein oder ein Hefe. Manchmal ist mir auch nach reden, und oft habe ich dort schon tolle Menschen kennengelernt. Gebhard ist einer von ihnen. Wir können uns vortrefflich über Politik streiten, uns über das Leben verständigen, Literatur ist ein wiederkehrendes Thema, oft sind es einfach Krimis. Manchmal findet auch Berufliches seinen Platz, er ist in der IT-Branche, ich bin da recht unbedarft, aber neugierig. Er dagegen erkundigt sich oft nach meinem Job, nach Notlagen und Bedarf, ein hilfsbereiter Mensch. Gebhard ist sozial aufgeschlossen, liebt die Menschen.

Ab und an trifft er sich mit einer Freundin, Maria, in unserem Stammcafé in der Seelingstraße. Sie kannte ich bis vor kurzem nur vom „Hallo“-Sagen. Seit 2018 ist Maria Witwe. Ihr Mann, leidenschaftlicher Maler, hinterließ ihr unter anderem ein kleines Atelier und viele Bilder. Echt viele, langsam sollen die nun weg. Da Maria finanziell unabhängig ist, wollte sie die Bilder einem karitativen Zweck zur Verfügung stellen.

„Der Dieter arbeitet doch bei der Berliner Stadtmission mit obdachlosen Menschen“, dachten sie sich wohl – und schwupps wurden aus zwei Tischen einer. So lernte ich Maria Krautzberger kennen, ehemalige Präsidentin des Bundesumweltamtes. Eine tolle Frau mit weitem Herzen. Gestalten kann sie also, die Vorbereitungen gingen also schnell.

Selbst Erkältungen können für obdachlose Menschen lebensgefährlich werden

Doch die Käufer sollten ja wissen, was mit ihrem Geld passiert. Deswegen wollte Maria genau erfahren, wo bei uns der Schuh drückt. Der drückt tatsächlich an etlichen Stellen, aber gemeinsam fiel unsere Auswahl auf die ärztliche Versorgung für Menschen, die auf der Straße leben. Seit Jahren hat die Stadtmission an der Lehrter Straße eine Arztambulanz, sie wird enorm frequentiert. Manchmal ist die Schlange vor der Tür arg lang. Eine Straßenambulanz haben wir auch, auch das ist ein sinnvolles Angebot für jene, die die nötigen Wege zur Hilfe nicht gehen oder finden. Zu gesund für das Krankenhaus, zu krank für die Straße – hier können Krankenbetten in der Ambulanz helfen.

Bei vielen Patienten greift dann auch die Beratung, etliche fanden auf diese Weise den Weg in eine Wohnung oder Pflegeeinrichtung. Die Ärzte der Ambulanz engagieren sich hier seit Jahren ehrenamtlich; die Deutsche Bahn Stiftung macht in der Arztambulanz finanziell einiges erst möglich – in ganz dickes Dankeschön an diese Stelle! Denn das Leben auf der Straße macht auf vielfältige Weise krank. Hautkrankheiten, Sucht, Ungeziefer, offene Beine – selbst Erkältungen können für obdachlose Menschen lebensgefährlich werden. Werden sie verschleppt, kann eine Lungenentzündung daraus werden. Der Bedarf an medizinischer Hilfe wächst. Die Mitarbeiter haben also viel Elend direkt vor ihrer Nase. Manchmal riecht Not. Sie resignieren dennoch nicht. Sie schauen nicht weg, sondern erweitern die Hilfen ständig. Maria ließ sich vor Ort überzeugen.

Am Ende waren 2000 Euro zusammengekommen

Letzten Dienstag fand die Versteigerung statt. Ein paar Menschen mehr hätten wir uns schon gewünscht, dafür war die Stimmung sehr entspannt. Ein echt guter Abend. Und die da waren, waren großzügig. Am Ende waren 2000 Euro zusammengekommen. Wir machen das sicher wieder. Vielleicht wird unsere ehemalige Sozialsenatorin Elke Breitenbach die Auktion auch dann wieder leiten. Sie machte das diese Woche prima. Kunst als Weihnachtsgeschenk – ich hoffe, auch meine Tochter wird sich freuen. Und natürlich möchte ich mich bei Frau Breitenbach, bei Maria und Gebhard, bei den Betreibern und allen bedanken.

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Und übrigens auch sehr bei Ihnen. Viele helfen. Sie machen sich mit Bekleidung auf den Weg, überweisen Geld, schicken aufmunternde Briefe und etliche beten für uns und die Menschen ohne Wohnung. Ohne sie würde vieles knirschen. Merci.