Nachtgestalten

Spenden und Gänsekeulen sind nicht alles

| Lesedauer: 4 Minuten
Dieter Puhl
Dieter Puhl Puhl arbeitet seit 30 Jahren in der Wohnungslosenhilfe der Berliner Stadtmission, seit 2019 führt er die Stabsstelle für christliche und gesellschaftliche Verantwortung.

Dieter Puhl Puhl arbeitet seit 30 Jahren in der Wohnungslosenhilfe der Berliner Stadtmission, seit 2019 führt er die Stabsstelle für christliche und gesellschaftliche Verantwortung.

Foto: Reto Klar / FUNKE Foto Services

Auch wenn viel gespendet wird, ist die Weihnachtszeit für obdachlose Menschen besonders hart. Dieter Puhl erklärt, warum das so ist.

Im Dezember ist die Spendenbereitschaft der Menschen groß. Macht dies das Leben für obdachlose Menschen aber einfacher? Oder ist es ein besonders harter Monat für sie? Einige Menschen haben im November ja Weihnachtsgeld erhalten, bei anderen wird es im Dezember ausgezahlt. Und viele sagen sich: „Das teile ich“. Das verbessert die finanzielle Situation vieler obdachloser Menschen sehr.

Seit Anfang November haben auch wieder etliche Notübernachtungen geöffnet, viele nehmen das Angebot an, übernachten dort, finden neben einem Schlafplatz auch geregelte Mahlzeiten, Bekleidung, eine Dusche. Und, auch das ist ungeheuer wichtig, sie erhalten Beratung, Vermittlungsangebote und Ansprache. Menschliche Zuwendung ist wichtig! Der Jackpot vielleicht.

Von der Zuwendung gibt es sonst keine großen Portionen auf der Straße. Viele leben allein und sehr zurückgezogen, andere halten sich zwar in Gruppen auf, bleiben aber selbst dort eher für sich. Freundschaften, echte Verbindlichkeit, gar Partnerschaften – das ist selten.

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Viele Menschen schlafen weiterhin im Freien

Und die Menschen ticken doch wie wir. Das Grau des Alltags legt sich auf ihre Seele, alles ist gedeckelt, die Stimmung trübe, viele schieben einfach einen Blues. Um das zu betäuben, wird der Alkoholkonsum oft höher. Und vergessen wir bitte nicht, viele schlafen weiterhin im Freien und dort ist es aktuell einfach Sch… kalt. Der Regen setzt ihnen zu, es fehlt Wechselwäsche, es tröstet keine Badewanne.

Erster Exkurs: Badewanne. Als wir vor vielen Jahren Bewerbungsgespräche mit obdachlosen Menschen in einem Kreuzberger Wohnprojekt führten, boten wir den Menschen vor dem Gespräch die Badewanne an. Und Rasierzeug, etwas Musik, einen Kaffee und ein sauberes Handtuch. Auch vermeintlich bärbeißige Menschen tauten auf, wurden zugänglicher, konnten dieses „kleine Glück“ kaum fassen.

Ist man in der Winterzeit allein, man spürt das noch deutlicher als sonst. Ich bin mir sicher, etliche von Ihnen geben mir da Recht. Nur an einem Abend ist das anders. An Heiligabend gehen einige gleich zu drei Weihnachtsfeiern, auch um Weihnachtspäckchen abzugreifen. Danach hat man drei Paar Socken, etwas Naschwerk und ein Päckchen Tabak.

Lieber unbekannter Mann, bist du heute traurig, hast du Freunde?

Und vielleicht sogar noch einen Brief einer achtjährigen Schülerin, den sie ihrem Geschenk beilegte. „Lieber unbekannter Mann. Ich kenne dich ja nicht. Bist du heute traurig, hast du Freunde, denkst du an deine Familie und deine Kinder…?“ Überrascht es Sie? Dann fließen Tränen. Vielleicht hält man das abends dann wirklich nur mit 3,5 Promille aus, die ganze Einsamkeit und das kaum zu beschreibende Elend.

Heiligabend ist für viele ein Tag, den sie allein verbringen, vielleicht noch unterbrochen durch den Gottesdienstbesuch. Für Obdachlose ist es ein Tag der Wechselbäder. Es gibt Liebe, Aufmerksamkeit, Zuwendung und danach kommt der große Absturz. Nach Weihnachten ist die gesamte Mildtätigkeit doch vorbei. Für einen Tag bist du Mensch, danach doch wieder der Penner, an dem alle vorbeigehen.

Teilen Sie sich Ihre Mildtätigkeit aufs ganze Jahr ein

Zweiter Exkurs: Gänsekeulen. Das ist jetzt nur eine Episode am Rand, aber ein traditionelles Weihnachtsessen für obdachlose Menschen, mit Rotkohl und Klößen, gibt es nur noch in wenigen Begegnungsstätten. Haben Sie mal die Preise angeschaut, ahnen Sie, warum. Und wieder bitte ich Sie: Teilen Sie sich Ihre Mildtätigkeit ein, es zählt der lange Atem, die Ausdauer. Ja, ein Schlafsack fehlt jetzt, sicher aber auch im März oder August. Können Sie nicht immer finanziell helfen, überbrücken Sie mit Freundlichkeit.

Einige der Menschen träumen übrigens nicht nur von ihren Kindern, sie haben das ganze Jahr gespart, um ihnen zu Weihnachten ein Paket zu schicken. Ein solider Versuch. Ihr Konto bei ihnen ist aber oft horrend im Minus. Auch hier geht es um Tränen, Verletzungen, das Alleinsein. „Wo ist wohl Papa gerade?“

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