Nachtgestalten

Auch obdachlose Menschen freuen sich über ein Weihnachtsgeld

| Lesedauer: 4 Minuten
Dieter Puhl
Dieter Puhl arbeitet seit 30 Jahren in der Wohnungslosenhilfe der Berliner Stadtmission und führ seit 2019 die Stabsstelle für christliche und gesellschaftliche Verantwortung.

Dieter Puhl arbeitet seit 30 Jahren in der Wohnungslosenhilfe der Berliner Stadtmission und führ seit 2019 die Stabsstelle für christliche und gesellschaftliche Verantwortung.

Foto: Reto Klar / FUNKE Foto Services

Jedem obdachlosen Menschen etwas spenden, das kann eigentlich jeder – denn es gibt viele Währungen. Die Kolumne von Dieter Puhl.

Ich kann es gar nicht oft genug wiederholen: Bitte nehmen Sie sich kein Beispiel an mir und seien gegenüber obdachlosen Menschen nicht so geizig, wie ich es bin.

Jedem obdachlosen Menschen etwas zu spenden – das kann man machen, wenn man’s machen kann. Der Satz ist echt einfach, dennoch kommt ihm kaum jemand nach. Geben Sie jedem obdachlosen Menschen einen kleinen Obolus, 50 Cent oder einen Euro, dann geben Sie im Monat etwa 90 Euro aus. Machen Sie dabei aber bitte einen Bogen um den Hauptbahnhof, den Marheinekeplatz und zwei bis drei andere Orte in Berlin, hier sind einfach zu viele Bettler. Sie glauben mir nicht? Freunde haben es ausprobiert, führten Haushaltsbuch, meine Erfahrungen bestätigen das. Fährt man Auto oder wie ich Motorroller, werden es einige Menschen weniger sein, im öffentlichen Nahverkehr einige mehr. Autofahrer dürfen die einzelne Spende also ruhig erhöhen.

Ihr Kühlschrank wird dadurch nicht leerer

90 Euro, das ist viel Geld, für viele ist das gar nicht möglich. Und dennoch erfahre ich seit Jahrzehnten: Es sind die eher armen Menschen, die selbst gar nicht viel haben, die doch sehr großherzig und großzügig sind. Ich mag den Satz: Lassen Sie uns weite Herzen trainieren!

Andere wieder, sie haben es echt dicke: Zwei gute Renten, die Kinder sind groß, die Eigentumswohnung und anderes ist bezahlt, das Auto hält auch noch zehn Jahre – hey, Ihr Lieben! Gehen Sie bitte in sich! Helfen Sie – Ihr Kühlschrank wird dadurch nicht leerer. Und selbst der Grabplatz und der Sarg sind bezahlt. Investieren Sie bitte in andere Aktien – in Menschlichkeit und Barmherzigkeit. Wird unser Schöpfer uns eines Tages nach unserem Kontostand fragen? Oder geht es darum, wie oft wir anderen beigestanden haben? Es gibt viele Währungen!

Eine Freundin kauft in dieser Zeit kleine Weihnachtsmänner und klebt darunter ein Zwei-Euro-Stück. Das ist dann nicht nur ein schönes Bild, eines, das mir nahe geht, das ist eine feine Geste, denn oft werden auch noch ein paar Worte gewechselt. Sind Sie mehr der einsilbige Typ – ein „Guten Tag“ oder „Alles Gute“, das ist doch auch ein kleiner Segenswunsch.

Egal, was wir geben, wie hoch die Summe ist, Segen und Gebete und unser politisches Anschieben brauchen die Menschen auch, mit sehr viel Respekt vorgetragen – etliches um sie herum ist doch sternenlose Nacht.

Auch obdachlose Menschen freuen sich über ein Weihnachtsgeld

Seit Monaten bekomme ich beim Einkaufen für immer mehr Geld immer weniger. Die Mogelpackungen nehmen zu. Das aber geht obdachlosen Menschen auch so. Auch für sie wird alles teurer und die Portionen werden manchmal kleiner. Okay, die Sorgen mit der Heizung, dem Gas, dem Strom haben sie nicht. Ich mag das nicht als Zugewinn betrachten.

Kurz möchte ich mich noch bei meiner Geschäftsführerin bedanken, mein Arbeitgeber bezahlt noch Weihnachtsgeld (letztmalig für mich, nächstes Jahr bin ich Rentner, das Geld wird fehlen). Ich freute mich am 15. November sehr über meinen Kontostand. Davon geht einiges für Weihnachtsgeschenke drauf, neues Rasierwasser habe ich mir auch gekauft, meine Freundin werde ich üppig zum Essen einladen. Dann bleibt aber noch etwas übrig. Auch obdachlose Menschen freuen sich über ein Weihnachtsgeld. Wenn wir wollen, ist das aber unsere Zuständigkeit. Aber bitte nicht erst am 24. Dezember, da machen es viele, und einige obdachlose Menschen neigen dann drei Tage zur Unvernunft. Jetzt ist ein guter Zeitpunkt. Und auch Anfang Januar. Dann denkt niemand mehr an die Menschen ohne Wohnung.

„Ganz so geizig ist der Puhl ja aber doch nicht“, denken jetzt einige. Ich aber weiß doch, da ginge deutlich mehr. Und mit der Einstellung hat es auch zu tun, mit der Freude und Selbstverständlichkeit, Lässigkeit, eben mit dem weiten Herzen. Ich oute mich mal, auch da ist noch deutlich Luft bei mir. Ich wünsche Ihnen ein gutes Wochenende!

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