Nachtgestalten

Ein Stück Himmel am Spandauer Bahnhof

| Lesedauer: 4 Minuten
Dieter Puhl
Dieter Puhl arbeitet seit 29 Jahren in der Wohnungslosenhilfe der Berliner Stadtmission, seit 2019 führt er die Stabsstelle für christliche und gesellschaftliche Verantwortung. Er schreibt jeden Freitag an dieser Stelle.

Dieter Puhl arbeitet seit 29 Jahren in der Wohnungslosenhilfe der Berliner Stadtmission, seit 2019 führt er die Stabsstelle für christliche und gesellschaftliche Verantwortung. Er schreibt jeden Freitag an dieser Stelle.

Foto: jörg Krauthöfer /Funke MedienGruppe

Obdachlosenhilfe: Die langjährige Idee einer Bahnhofsmission für Berlin-Spandau hat nun Flügel bekommen.

Berlin.  Vorab heute ein kleiner Crash-Kurs zu Bahnhofsmissionen. Denken Sie dabei vor allem an die Versorgung obdachloser Menschen? Dann möchte ich das etwas erweitern. Es war junge, alleinstehende, oft armen Frauen, die damals an Berlins Bahnhöfen ankamen. Sie hatten eine ungewisse Zukunft vor sich. Das Leben auf dem Land war karg, man hatte dort oft kein Auskommen. Die Städte wurden zu Hoffnungsorten, hier tobte das Leben, es gab genug Arbeit. Viele Frauen fanden vor 130 Jahren hier eine neue Zukunft, als Zimmer- oder Hausmädchen, als Krankenschwestern oder in den Fabriken.

Berlin war ein Anziehungspunkt für viele. Für die Frauen in den Zügen ebenso wie für „schlimme Finger“, etwa die Luden an den Bahnhöfen. Leider fanden sich bald etliche Frauen in einem Großbordell oder ähnlichem wieder. Um Mädchen und Frauen davor zu schützen, von Männern ausgenutzt und missbraucht zu werden, gründeten jüdische, evangelische und katholische Frauen 1894 die erste Bahnhofsmission am Ostbahnhof in Berlin, der damals noch Schlesischer Bahnhof hieß. Nebenbei war dies wohl das älteste ökumenisch-soziale Projekt. Andere Bahnhofsmissionen folgten.

Hoffnungsorte sind die Bahnhofsmissionen noch immer

Gleichzeitig veränderten sich im Laufe der Jahrzehnte die Aufgaben der Bahnhofsmissionen. Hoffnungsorte aber sind die Einrichtungen noch immer – eben ein Stück Himmel am Bahnhof. Alte und Kinder werden hier versorgt, Menschen, die unterwegs sind, finden Zuflucht und Ruhe.

Was die Bahnhofsmissionen eint, ist die Versorgung bahn-reisender Menschen. Wo findet der blinde achtzigjährige Mann, dessen Zug erst in drei Stunden weiterfährt, eine Oase und Hilfe? Wer kümmert sich um die junge Mutter mit drei Kindern, sechs Katzen und drei Hunden, die ihr Heimatland fluchtartig verlassen hat und in einer Stadt aufschlägt? Selbst dem verwirrten Mann, der angibt, mit einer 9-Millimeter-Pistole den Chef der Deutschen Bank erschießen zu wollen, wurde und wird hier geholfen. Flüchtlingen steht man bei.

Und eben auch obdachlosen Menschen hilft man in vielen Bahnhofsmissionen in Deutschland. Das konkrete Angebot ist dabei unterschiedlich. Es kann das Brötchen sein, oft ist es Beratung, sind es weiterführende Hilfen, ist es die Vermittlung. Bahnhofsmissionen zeigen aber auch, das geht alles auch anders, Menschen haben Besseres verdient.

Spandau – prima! Alle waren da sehr offen.

247.396 Einwohner hat Spandau, ist damit größer als andere Städte, die eine eigene Bahnhofsmission haben. 101.000 Menschen nutzen täglich den Bahnhof Zoo, steigen um, kaufen ein, 65.000 sind es am Ostbahnhof, 50.700 immerhin auch in Spandau. Probleme gibt es dort im Innenstadtbereich – mehr um als im Bahnhof selbst. Besuchen Sie abends mal die Arcaden – Sie konnten das die letzten Tage hier in der Berliner Morgenpost lesen. Kurz: Bedarf gibt es genug!

Gregor Kempert (SPD), Sozialstadtrat in Spandau, brachte eine mögliche Bahnhofsmission dort ins Gespräch. Auch, um obdachlosen Menschen zu helfen und mehr Struktur in die Angelegenheit zu bekommen. Der Zufall wollte es: Am selben Abend trafen sich Vertreter der Deutschen Bahn mit Kolleginnen und Kollegen der Berliner Stadtmission im neuen Zentrum am Zoo. Sie erinnern sich, die Bahn hat hier bereits sehr viel geholfen. Spandau – prima! Alle waren da sehr offen.

Letzten Sonnabend fand der Landesparteitag der SPD statt, ich war als Gast eingeladen. Auch hier waren alle der Idee zugetan: Der ehemalige Spandauer Bürgermeister Helmut Kleebank, die aktuelle Bürgermeisterin Carola Brückner, auch Franziska Giffey und Raed Saleh werden die Idee unterstützen. Und, ich bin mir sicher, die anderen Parteien auch!

Viele Gespräche sind noch zu führen: Die Senatorin, eine Geschäftsstelle, die Polizei, Ladenbesitzer, alle werden mitgenommen. Diese Idee ist aber nicht mehr aus der Welt zu kriegen.

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