Nachtgestalten

Etwas gerechter darf die Welt werden, bevor wir abtreten

| Lesedauer: 4 Minuten
Dieter Puhl
Dieter Puhl arbeitet seit 30 Jahren in der Wohnungslosenhilfe der Berliner Stadtmission, seit 2019 führt er hier die Stabsstelle für christliche und gesellschaftliche Verantwortung.

Dieter Puhl arbeitet seit 30 Jahren in der Wohnungslosenhilfe der Berliner Stadtmission, seit 2019 führt er hier die Stabsstelle für christliche und gesellschaftliche Verantwortung.

Foto: Reto Klar / FUNKE Foto Services

Todesangst war mir bisher fremd. Nun aber gibt es für unseren Kolumnisten Dieter Puhl so etwas wie einen zweiten Geburtstag,

Berlin. Wir lassen die Seele baumeln, schlafen aus, erholen uns, haben frei, lernen Neues kennen, finden Abstand zum Alltag. Ich rede vom Urlaub, bei mir von Kreta, von einer Zeit, die mir im Regelfall doch sehr lieb ist. „Wenn jemand eine Reise tut, so kann er etwas erzählen …“, sagte schon der Dichter Matthias Claudius. Über meine Vermieterin Georgia auf Kreta, meine kleine Familie, über Freunde und einen fantastischen Strand, über gutes Essen, Kultur, kleine Fluchten, vieles habe ich in 30 Jahren dort erlebt, einiges habe ich berichtet. Es gibt aber Neuigkeiten, da war ordentlich Essig im Wein.

Nun sind nicht immer alle in ihrem Urlaub auf der Sonnenseite. Kleinere und größere Unglücke habe ich bei anderen erlebt, Unfälle, Beinbrüche, Erkrankungen, selbst Todesfälle. Einige Menschen packen ihre Taschen aus, um sich danach gleich für einige Tage ins Bett zu legen.

Vielleicht ist es einfach Pech, ein übler Zufall,oder sie sind vielleicht zu müde, um es sich zu erlauben, zu Hause krank zu werden. Aber eine Krankheit kann ja auch eine Auszeit sein. Sehe ich mal von einer Blasenentzündung in der Türkei ab, bin ich mit meinen 65 Jahren bislang von Missständen verschont geblieben.

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Es war Freitag, der 14. Oktober, der Tag und der Abend waren gut, und da ich bereits früh müde war, ging ich schon um halb elf ins Bett. Nach wenigen Seiten legte ich den Krimi zur Seite und schlief ein. Um nach wenigen Minuten wieder wach zu werden: Die Schmerzen im Brust- und Rückenbereich, auch im linken Arm, waren heftig, ich konnte mich kaum bewegen, Luft bekam ich auch nicht. Ich schaffte höchstens drei Atemzüge pro Minute.

Meine Tochter konnte ich noch verständigen, auch deren Mutter. Aber das dauerte mit dem Krankenwagen, der aus der Kreisstadt Mires 50 Minuten in das kleine Dorf Pitsidia brauchte. „Herzinfarkt – das hat mich erwischt – keine Luft.“ Todesangst war mir bislang fremd, ich hatte nun aber Angst zu sterben. Und es hatte etwas mit großer Traurigkeit zu tun, aber auch mit Wut – ich wollte einfach nicht sterben, nicht hier, nicht im Urlaub, nicht mit 65 Jahren.

112, die Nummer muss man erst einmal parat haben, gerade im Ausland. Krankenwagen, Sauerstoffmaske. Die ärztliche Versorgung war eher unzulänglich, und so ging es nach wenigen Minuten in der Ambulanz in Mires gleich weiter ins Krankenhaus in der Insel-Hauptstadt Heraklion.

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Was hatte ich für ein Glück: Die junge Ärztin dort sprach fließend Deutsch, nahm sich Zeit, war kompetent und freundlich und checkte einfach alles durch. Ganz langsam rollte mir ein Stein vom Herzen, denn das war okay. Die Lunge auch. Das Blutbild am frühen Morgen wies auf einen ausgeprägten Infekt hin. An Laufen aber war nicht zu denken, mir war schwindelig wie nach mindestens einer Flasche Wein. Meine Tochter Lavinia (ich liebe Dich – danke) fuhr mich dann wieder in unseren Urlaubsort.

Ich lebte! Das war alles andere als selbstverständlich und ich werde mir das Datum merken. Zweiter Geburtstag und so… Nach zwei Tagen konnte ich das Bett verlassen, das mit dem Essen haute langsam hin. Eine Woche blieb ich einfach auf dem Hinterhof sitzen, das mit dem Schwindel besserte sich sehr langsam von Tag zu Tag.

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Nun bin ich bereits zwei Wochen wieder in Berlin, lernte einige Ärzte kennen, der Kardiologe möchte nichts von mir, der Orthopäde leider noch eine Menge. Immerhin nur der Orthopäde, es hätte schlimmer kommen können. Die Entzündung zwischen den Wirbeln im Halsbereich ist weg, anderes macht mir noch zu schaffen. Arbeiten kann ich wieder.

Ich möchte Ihnen heute gute Gesundheit wünschen, Glück und Gottes Segen bei Unpässlichkeiten. Achten Sie bitte auf sich. Und genießen Sie das Leben! Wir haben aber auch noch einiges miteinander zu gestalten. Etwas gerechter darf die Welt noch werden, bevor wir eines Tages abtreten.

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