Nachtgestalten

„Wir können doch Freunde sein“

| Lesedauer: 4 Minuten
Dieter Puhl
Dieter Puhl arbeitet seit 29 Jahren in der Wohnungslosenhilfe der Berliner Stadtmission, seit 2019  führt er die Stabsstelle für christliche und gesellschaftliche Verantwortung. Er schreibt jeden Freitag an dieser Stelle.

Dieter Puhl arbeitet seit 29 Jahren in der Wohnungslosenhilfe der Berliner Stadtmission, seit 2019 führt er die Stabsstelle für christliche und gesellschaftliche Verantwortung. Er schreibt jeden Freitag an dieser Stelle.

Foto: Reto Klar / FUNKE Foto Services

Wenn wir lieben, ist jede Sekunde ein Geschenk. Aber nicht alles läuft immer so, wie wir es gehofft haben.

Und es ward Licht. Was für eine Erscheinung, welch eine Aura, was für ein Setting? Sich bei einer Sterbebegleitung zu verlieben, das war selbst mir zu viel.

Weit über 30 Jahre ist das wohl her, es war Herbst, diesig und grau, am frühen Morgen, und ich begleitete Georg in den Tod. Er wollte sterben, hatte bereits die letzte Ölung erhalten. Das alles geschah im Rahmen der häuslichen Krankenpflege bei der Arbeiterwohlfahrt in Schmargendorf, ich jobbte dort als Student. „Sie sind doch Diakon“, das reichte und schon hatte ich damals neue Einsatzfelder.

Georg nun lag seit Tagen im Sterben und da ich kaum über medizinische Kenntnisse verfügte, kam alle paar Stunden eine Krankenschwester oder ein Pfleger, um nach dem Rechten zu schauen, ihm eine Spritze zu geben. Seine Schmerzen waren sonst beträchtlich.

Etwas schüchtern war ich schon immer, sie aber machte mich sprachlos

Und plötzlich stand Schwester Viola im Raum, neu bei der AWO, ich kannte sie nicht und ich dachte, ich hätte eine Erscheinung: Zierlich, blonde Haare, gelassen, freundlich und souverän als Krankenschwester. Kein Heiligenschein. Energie- und Lichtquelle aber doch.

Etwas schüchtern war ich schon immer, sie aber machte mich sprachlos, es ist ja nicht nur dahergeschwätzt, sie machte den Raum wirklich heller. Licht, Licht, Licht – alles um sie herum strahlte... Es war sicher kein guter Ort, keine gute Gelegenheit, um sich näher kennenzulernen oder gar miteinander zu flirten. Hier gab es Wichtigeres. Und mit ruhiger Gelassenheit war mir damals auch klar, wir würden uns ja wiedersehen, zu einem besseren Zeitpunkt, einer anderen Gelegenheit.

Ich erwähne das gerne: Georg starb dann übrigens nicht. Ich betreute ihn noch verdammt gerne über lange Jahre, er war ein liebenswerter, total schräger und irrer Typ. „Macht mir die Weihnachtsengel“, wer mag kann die Kolumne im Netz nachlesen.

Mit Schwester Viola und mir, das dauerte dann auch noch, erst sechs Monate später trafen wir uns wieder, eher zufällig (was sind schon Zufälle?), und sofort wusste ich, die Gelegenheit nun war deutlich besser. Jetzt kam meine Zeit. Meinen Irrtum aber erkannte ich bald. Es war war schon enttäuschend, meine Angebetete sah das über Jahre anders. Es war verwickelt, mein Werben war ihr oft wohl eher egal – „wir können doch Freunde sein.“

So richtig aufgeben mochte ich aber nicht

Mir blieb nichts anders übrig, das galt es zu akzeptieren, dennoch genoss ich jede Minute, wenn wir uns verabredeten; eher sporadisch, mal zum Essen, mal, um ins Kino zu gehen. So richtig aufgeben mochte ich aber nicht. Sie gefiel mir einfach sehr, sehr. Und was soll ich sagen? Nach drei Jahren wurden unsere Verabredungen häufiger, vertrauter, eines Tages auch dichter. Unsere Liebesbeziehung begann. Die nächsten Monate waren reich. Sie kennen das, wenn wir lieben, ist jede Minute, ach was, jede Sekunde ein Geschenk. Eine Zeit mit Hummeln im Bauch, es gab lange Nächte voller Nähe und dichter Gespräche, geschlafen wurde dann am Monatsende. Wir hatte Sorge, wir könnten das Leben verpassen. Krönung von allem, Höhepunkt für uns beide, ein unendliches Geschenk: eine Hausgeburt im Wedding, Badstraße 54, Vorderhaus, 3. Etage, rechts, wir wurden Eltern. Unsere Tochter Lavinia ist nun 33, und heute selbst zweifache Mutter.

Dann begann der Abstieg, der freie Fall sozusagen und eine gehörige Portion Unreife kam auch hinzu, ich konnte dieses Geschenk nicht halten. Die Trennung war böse, Schmerz und Verirrungen waren heftig. Getrennt und doch gemeinsam kümmerten wir uns in den nächsten Jahren um unser Kind. Meist einvernehmlich.

Am Mittwoch sind wir Großeltern, Viola und ich, aus Berlin nach Kreta „vorgeflogen“. So zusammen Urlaub zu machen ist auch fragil für uns; morgen setzen wir uns in das Auto und holen unsere Tochter und die Mädchen vom Flughafen ab. Um dann alle zwei Wochen gemeinsam miteinander zu sein. Segen.

Mehr „Nachtgestalten“: Lesen Sie hier alle Kolumnen von Dieter Puhl in der Berliner Morgenpost