Nachtgestalten

Politische Sommerfeste: Nur kein Neid

| Lesedauer: 4 Minuten
Dieter Puhl
Dieter Puhl arbeitet seit 29 Jahren in der Wohnungslosenhilfe der Berliner Stadtmission, seit 2019 führt er die Stabsstelle für christliche und gesellschaftliche Verantwortung.

Dieter Puhl arbeitet seit 29 Jahren in der Wohnungslosenhilfe der Berliner Stadtmission, seit 2019 führt er die Stabsstelle für christliche und gesellschaftliche Verantwortung.

Foto: Reto Klar / FUNKE Foto Services

Unterwegs an den Tischen der Macht: Warum das Plaudern beim Häppchen auch Arbeit ist. Die Kolumne von Dieter Puhl.

Meine Freundin hat schlechte Laune und ist manchmal auch sauer auf mich. Keine Sorge aber, ich behellige Sie nun nicht mit Problemen meiner Partnerschaft. Es geht heute um die Sommerempfänge in Berlin – und um meine freien Abende, die diesen zum Opfer gefallen sind. Wir sehen uns schon recht wenig und ich gestehe, das hat mir auch nicht immer gefallen.

Grundsätzlich aber war ich froh, überhaupt eingeladen worden zu sein; weniger aus Eitelkeit, sehr aber aus der Sache heraus, denn berufsbedingt stehe ich doch für obdachlose und arme Menschen ein, die eigentlich wenig mit dem Glanz dieser Feiern zu tun haben.

„Warum werde ich da denn nicht eingeladen?“, fragte sie mich einiger Zeit, als ich mir spät abends ein Taxi genommen hatte, um vom Parlamentarischen Sommerabend nach Hause zu fahren. Der Parlamentspräsident hatte mich eingeladen. Ich aber wollte doch nur noch ins Bett. Die Taxifahrt ermöglichte mir, dann eine Stunde länger zu schlafen. „Wenn du wüsstest,“ dachte ich. Nach Reden war mir nicht.

Auch auf Sommerfesten wird genetzwerkt

„Die futtern und prassen, lassen es sich gut ergehen, und alles auf Kosten der Steuerzahler“, denken etliche, vielleicht sogar ja hier unter Ihnen, geschätzte Leserinnen und Leser.

Da wird doch gearbeitet, möchte ich entgegnen. Auf Sommerfesten wird genetzwerkt und so manche Kuh wird vom Eis geholt, hat sie sich denn darauf verirrt. Die Atmosphäre macht’s! Die ist in der Tat prima und entspannt, auf allen Festen und Feiern, bei denen ich in diesem Jahr zugegen war. Menschen treffen sich, vernetzen sich und arbeiten zielgerichtet zusammen. Es kommt auf das Mischverhältnis an. Denn wir alle laufen ja Gefahr, überwiegend in unseren „Blasen“ zu leben. Bei diesen Begegnungen geht es dagegen bunt zu, keine Sorge, zu elitär ist da nichts. Mich hat man ja auch eingeladen.

Covid-19 machte diesen Austausch in der jüngsten Vergangenheit oft unmöglich. In diesem Sommer war vieles wieder entspannter. Alles fand im Freien statt und alle hielten Abstand, niemand wollte sich oder andere gefährden, aktuelle Tests waren an der Tagesordnung. Ich sehnte die Begegnungen herbei, lernte echt viele Menschen kennen, obwohl es oft es nicht mein jeweils vertrautes Parkett war. Ein Empfang bei der Bundespolizei hat seine eigene und gute Atmosphäre, und wenn man das ganze Jahr über gemeinsam versucht, fair und hilfsbereit und kooperativ mit obdachlosen Menschen umzugehen, tut es auch gut, mal ein Hefebier miteinander zu trinken. Und zu schauen, wie alles noch besser gestaltet werden kann. Plaudern hat übrigens eigene Regeln. Wichtig ist doch, was dabei herauskommt.

Mein Ruf als Bettler für soziale Anliegen hat sich herumgesprochen

Und so findet übrgens auch das Thema Obdachlosigkeit mehr Zugang in der Mitte der Gesellschaft – und genau dorthin gehört es auch. Einige gehen mir bei solchen Begegnungen aber schon aus dem Weg, schwupps – weg sind sie, wenn sie mich sehen. „Das wird manchmal teuer mit dem Puhl von der Stadtmission“, denken wohl nicht wenige. Mein Ruf als Bettler für soziale Anliegen hat sich herumgesprochen. Andere aber stecken mir schon 1000 Euro oder mehr zu oder überweisen ihre Spende am nächsten Tag. Für Schlafsäcke, H-Milch oder Margarine, für Bauvorhaben und eklatante Lücken.

Alles in allem lernte ich einige neue Locations kennen, man übertrifft sich im abenteuerlichen Ambiente der Veranstaltungsorte. Und seien Sie bitte nicht neidisch auf das Essen bei solchen Events, ob bei Grünen, Linken, der CDU oder der FDP, auch bei den Sozialdemokraten, Sportveranstaltungen und Unternehmensfeiern – das ähnelt sich schon. Auch Parteien und Vereinigungen müssen rechnen, Häppchen bleiben Häppchen. Ich bin stets satt geworden, war immer zufrieden, in meinem Kühlschrank zuhause sind manchmal aber teurere Dinge zu finden. Seien Sie also sicher, viel verpassen Sie nicht. Arbeit bleibt Arbeit.

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