Nachtgestalten

Süchte haben Hochkonjunktur

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Dieter Puh, Autor der Kolumne „Nachtgestalten“.

Dieter Puh, Autor der Kolumne „Nachtgestalten“.

Foto: jörg Krauthöfer /Funke MedienGruppe

Menschen, die einsam und verzweifelt sind, tun gelegentlich eigentümliche Dinge. Die Geschichte von Reinhold.

Berlin. Da stand er nun morgens um fünf Uhr auf dem Nollendorfplatz, lachte laut, ein Lachen zwischen Verzweiflung und Hysterie. Gleichzeitig übergab er sich – Sie verzeihen bitte – , er kotzte sich die Seele aus dem Leib. Konnte man eigentlich noch mehr Irrsinn leben?, fragte sich Reinhold, 45 Jahre alt war er da. Ein Mann, der ja durchaus schon einiges in seinem Leben erlebt hatte, und nicht immer war er dabei auf der sicheren Seite.

Reinhold lebte in einer vermeintlich geordneten Beziehung, hatte drei pubertierende Söhne, ging als Verkäufer einer geregelten Tätigkeit nach, und wenn er ehrlich war, was eher selten der Fall war, er hatte sein Leben eigentlich an vielen Punkten gegen die Wand gefahren. Seine Partnerschaft war hinüber, seine Frau liebte er schon lange nicht mehr; oft fühlte er sich einsam, hatte keine vertrauten Menschen, keine Freunde; und wenn die Kinder nicht gewesen wären, ja sie hielten noch einiges zusammen …

Alles hat einen Anfang: Plaudern konnte man prima auf diesen Call-Lines; es gab ja auch noch genügend andere einsame Seelen. Kurze Gespräche, die zunächst kleine Fluchten waren. Die wurden zu größeren, spätestens, als Reinhold anfing, sich gelegentlich mit den Frauen zu treffen. Richtige Liebeleien wurden das nicht, das mutierte eher zu schnellem Sex. Reinhold konnte die Treffen verstecken, kaschieren – eine Menge davon lebte er in den Mittagspausen oder kurz nach Feierabend. Selten aber auch nachts, wenn eine Partnerin verreist war oder allein mit den Kindern Urlaub machte.

Menschen, die einsam und verzweifelt sind, machen gelegentlich schon eigentümliche Dinge, und nicht alles ist dann immer gut für sie (und andere). Der eine greift zum Alkohol, die andere zu Tabletten, andere Menschen stürzen sich in die Arbeit – Süchte haben Hochkonjunktur in Deutschland. Bei Reinhold wurde es das Telefon, genauer, es wurden Single-Börsen dort, und etliche davon waren kostenpflichtig, richtig teuer. Das waren Gebührenfallen! Zum Glück für Reinhold wurde die Telefonrechnung über sein Konto bezahlt, 800 bis 1000 Euro monatlich waren längst zum Problem geworden. Denn auch die Miete wurde über sein Konto beglichen, für alles reichte das Geld aber nicht mehr. Seine Ehefrau bekam von allem nichts mit, wollte oder konnte Wirklichkeiten aber genauso wenig in die Augen schauen wie ihr Ehemann.

Diese Begegnung aber gerade, Reinhold hatte zuvor lediglich 15 Minuten mit der Frau telefoniert, dann war das mit dem einvernehmlichen Sex ausgehandelt, war furchtbar, grauenhaft. Keinerlei Romantik, keine Seelenverwandtschaft, rein gar nichts war schön, erinnerte gar an Liebe. An Hässlichkeit kaum zu überbieten.

Ich möchte Ihnen, geschätzte Leserinnen und Leser, hier ja gelegentlich aufzeigen: Es gibt sehr unterschiedliche Geschichten, die einen Menschen wohnungslos werden lassen können. Reinhold wurde die Obdachlosigkeit erspart, eine Schuldnerberatungsstelle konnte den drohenden Wohnraumverlust noch verhindern.

Allerdings reichte ihm die Episode auf dem Nollendorfplatz noch nicht, Reinhold benötigte stärkere Bilder. Denn es blieben doch die Verzweiflung, er suchte die Fluchten. Wenige Wochen später wollte er sich nachts wieder mit einer Frau treffen, für Stunden sein jämmerliches Dasein vergessen. Alles war geklärt, erschien vielversprechend. Zwei Verirrte wollten sich treffen. Dann lautete das Angebot: Er könne sich doch zwischen ihre vierzehnjährige Tochter und sie in die Mitte legen. Reinhold fuhr der Schrecken in die Glieder. Auch, weil er kurz überlegte, das Angebot anzunehmen. Das war dann aber auch zu viel für Reinhold, für wenige Sekunden spürte er Abgründe und sogar den Satan. Dieses Stoppschild überfuhr er nun nicht, sondern suchte sich unverzüglich Hilfe. Und noch heute bedauert er, die Frau nicht angezeigt zu haben.