Nachtgestalten

Liebe ist im Leben ungleich verteilt

| Lesedauer: 4 Minuten
Dieter Puhl
Dieter Puhl arbeitet seit 29 Jahren in der Wohnungslosenhilfe der Berliner Stadtmission, seit 2019 führt er die Stabsstelle für christliche und gesellschaftliche Verantwortung. Er schreibt jeden Freitag an dieser Stelle.

Dieter Puhl arbeitet seit 29 Jahren in der Wohnungslosenhilfe der Berliner Stadtmission, seit 2019 führt er die Stabsstelle für christliche und gesellschaftliche Verantwortung. Er schreibt jeden Freitag an dieser Stelle.

Foto: jörg Krauthöfer /Funke MedienGruppe

Dieter Puhl über die Geschichte von Jenny, und wie es kam, dass sie obdachlos wurde und auf der Straße lebt.

Drei Wohnungen hatte sie bereits verloren. Seit einem Tag lebte sie nun wieder auf der Straße. Unglücklich war Jenny, 36 Jahre alt, aber keinesfalls. Die meisten Menschen haben einfach bessere Startbedingungen in ihrem Leben. Sie wuchsen in einem Elternhaus auf, das Schutz und Geborgenheit vermittelte. In dem man trainieren konnte, mit dem Leben klarzukommen, auch Halt erfuhr, wenn etwas mal nicht so gut klappte.

Jenny aber konnte sich nicht daran erinnern, dass ihr in ihrer Kindheit mal jemand liebevoll zur Seite stand. Oder sie auch mal in die Schranken wies, wenn sie deutlich über die Stränge schlug. Es gab niemanden, der sie als Jugendliche um 22 Uhr ins Bett schickte, niemanden, der ihr mal das Handy wegnahm, wenn es bereits spät war, keinen Menschen, der darauf achtete, wenn sie mit zwölf Jahren bereits gelegentlich eine Fahne hatte, nach Alkohol roch. Es gab aber auch niemanden, der sie mit sieben Jahren morgens weckte und zur Schule schickte oder ihr die Schulbrote zubereitete.

„Zwei Flachmänner für Mutti“

Jenny beneidete stets ihre Freundin Claudia, der lasen die Eltern abends vor, auch noch, als sie acht war. Claudia kraulte die Mama den Nacken, wenn das nötig war, und für ihren Vater war sie eine Prinzessin. Nur an die Wäsche ging er ihr nicht. Bei Jenny war alles anders. „Ich bin ein Wildfang“, sagte sie oft laut und sogar stolz, eher seltener aber auch verhalten und traurig. An ihren Vater kann sie sich nicht erinnern, den gab es einfach nicht. An die Freunde der Mutter, das waren ja einige, wollte sie sich nicht erinnern. Knallten ihr die Bilder aber in die Seele, waren es die von eher fremden Männern an ihrem Bett. Da war sie sechs. Als sie älter war, hörte das nicht auf, es waren nur andere Männer.

Denkt Jenny aber an ihre Mutter, sind es Bilder einer Frau, die hilflos im Bett lag, schwer vom Alkohol gezeichnet. Schon früh ist Jenny einen Deal mit dem Kioskbesitzer um die Ecke eingegangen: „Zwei Flachmänner für Mutti.“ Mehrmals am Tag. Glücklich war sie, wenn sie mal mit ihrer Mutter am Mittagstisch saß. Natürlich hatte Jenny dann gekocht. Liebe ist im Leben recht ungleichmäßig verteilt.

„Ich konnte nichts richtig, war in allem unsicher, hatte im normalen Leben höchstens drei Millimeter Selbstbewusstsein.“

Die Regeln auf der Straße waren einfach und überschaubar

Fit war Jenny lediglich auf der Straße, bei ihren Freunden, denen es manchmal ähnlich ergangen war wie ihr. „Darüber haben wir wenig gesprochen, aber man erahnt das, manchmal riechen Menschen einfach ähnlich, man erkennt sich doch bereits am Stallgeruch.“

Die Regeln auf der Straße waren einfach und überschaubar: Wie treibe ich Geld auf, wem gehe ich aus dem Weg, oder haue ich einfach schneller zu? Mit 14 hatte Jenny auf der Straße endlich ihren Platz gefunden, fand Anerkennung, sogar Respekt. Eine kleine Queen. Mit 15 war sie dann obdachlos. „Zu Mutti und den Kerlen zog mich nichts mehr.“

Hatte man genug zu trinken, war das sogar auszuhalten, hatte man kein Geld mehr, gab es ja noch die Typen, „mit denen kannte ich mich ja aus. Und ich war ein echter Feger damals, konnte jeden haben, alle schauten mir doch auf den Hintern.“

„Gegen Löcher hilft ein Liter Wein“

Wenn es nur nicht die Sozialarbeiterinnen gegeben hätte, die ihr ständig mit diesem „anderen Leben“ in den Ohren gelegen haben.

Schön blöd – immer hat sie sich darauf eingelassen und immer wieder merkte sie, „ich bekomme das allein nicht hin mit den ganzen Regeln. Kann ja noch nicht einmal einen Antrag ausfüllen.“ Zu erledigen gab es immer viel. Irgendetwas von Depressionen stand in ihrer Akte – Jenny sah das einfacher: „Ich bin immer müde und bekomme nichts gebacken. Und gegen Löcher hilft ein Liter Wein.“

Und so muss man gar nicht viel tun, um so eine Wohnung wieder los zu werden. Ein paar Briefe nicht zu öffnen, reicht ja schon. „Hallo Jenny,“ grüßten sie nun viele. Das tat gut.