Nachtgestalten

Ein letzter Gruß von Willi und Biene Maja

| Lesedauer: 4 Minuten
Dieter Puhl
Dieter Puhl

Dieter Puhl

Foto: Reto Klar / FUNKE Foto Services

Anfang 2000 tauchte er auf, suchte Hilfe und einen Platz im Leben: Erinnerung an einen beliebten Kollegen

Er traut sich nicht, Gott in die Augen zu schauen, senkt seinen Blick, und seine Stimme ist belegt. „Was habe ich denn nur aus dem Leben gemacht, das du mir geschenkt hast, himmlischer Vater? Herumgezogen bin ich, mein Leben war unstet, ich bin geflohen, vor der Familie, meinen Geschwistern, vor mir, manchmal vor der Verantwortung. Zu früh trank ich Alkohol, mit 16 bereits eine Flasche Wodka täglich, im Gefängnis habe ich gesessen, der blöde Fluchtversuch brachte mir damals anderthalb Jahre Zuchthaus ein. Oft fand ich mich nicht zurecht und sogar obdachlos war ich.“

Gott rutscht auf seiner Bank zur Seite, bietet Willi den Platz neben sich an und seine Stimme klingt keinesfalls anklagend, ist versöhnlich, gar zärtlich: „Ach Willi, ich war doch immer an deiner Seite, selbst als du gelitten hast, wenn dein Vater dich schlug, so schlug er doch auch mich, und ich habe neben dir im Stall geschlafen, wenn du dich dort danach verstecktest. Ich war bei dir, wenn du einsam warst und wenn die anderen dich verspotteten, so hänselten sie doch auch mich. Ich war es doch auch, der stotterte, wenn du nicht die richtigen Worte gefunden hast, und ich war sogar mit dir im Gefängnis, auf der Flucht, und zusammen waren wir obdachlos. Ich war mit dir im Krankenhaus, als du 1984 mit dem Saufen aufgehört hast, und zweimal wöchentlich besuchten wir seit damals die Selbsthilfegruppe der Anonymen Alkoholiker. Mensch Willi – da sind wir doch beide sogar zu Fachleuten geworden! Ich gab dir aber auch die Kraft, wenn du von morgens bis abends gearbeitet hast wie ein Pferd, oft waren das lange und anstrengende Tage. Morgens der ehrenamtliche Frühdienst in der Bahnhofsmission am Zoo, dann dein Dienst in der Küche im Jugendgästehaus der Berliner Stadtmission, das alles an den Weihnachtstagen. Die leben und feiern andere doch anders. Wir, Willi, haben zusammen gearbeitet, waren doch ein prima Team. Auch dann noch, wenn es spät am Abend darum ging, um 22 Uhr die Bänke beim Gottesdienst im Hauptbahnhof zu schleppen.“

Willi lächelt, „ja, das waren lange und gute Tage und zusammen haben wir doch eine Menge geschafft!“ – „Wie die Jahre seit Anfang 2000 bei der Berliner Stadtmission doch gar nicht die schlechtesten waren“, entgegnet Gott, „eine Wohnung, endlich ein Platz, dein Platz, Menschen um dich herum, Anerkennung.“ – Erinnert der Dialog Sie an „Knulp“ von Hermann Hesse? Sei es drum.

Willi lag tot in seiner Wohnung – zu lange. Das passiert in Berlin immer wieder. Ein Mensch rutscht uns durch. Wir riechen, was wir nicht sehen wollten, konnten. Wohl eintausend Kolleginnen und Kollegen habe ich bei der Berliner Stadtmission, alle kann ich gar nicht kennen. Wilfried Jarzinka aber war bekannt und beliebt wie ein bunter Hund. Das hat er sich erarbeitet, mit freundlichem Wesen, Disziplin und Fleiß. Anfang 2000 tauchte er im Zentrum der Stadtmission auf, suchte Hilfe und endlich seinen Platz im Leben. Beides fand er. Zunächst arbeitete er ehrenamtlich in der Bau- und Gartentruppe der Stadtmission. Als gelernten Bäcker zog es ihn in die Küche unseres Jugendgästehauses, eine Mehlunverträglichkeit machte das Arbeiten im alten Job aber unmöglich. Küchenhilfe, Beikoch, Koch – Willi war zäh, suchte auch die Anerkennung, arbeitete sich kontinuierlich nach oben. Und Willi war beliebt, erhielt Fanpost von Gästen, denn er hatte diesen vermittelt: Leicht kann man im Leben scheitern – aber man kann auch wieder auftauchen!

Bei mir bleiben Fragen. Mit 63 den Löffel abzugeben, finde ich nicht so fair, vielleicht gibt Gott ihm ja auch darauf eine Antwort. Und dann: Wie einsam kann ein Mensch im Kern bleiben, obwohl er doch gut sozial eingebettet ist? Abschließend aber: Willi, was sollte das mit der Biene Maja? So unterschrieb er alle seine Karten: Ein Gruß von Willi und Biene Maja.