Nachtgestalten

Obdachlose Menschen haben keinen Garten

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Dieter Puhl

Foto: pa/Montage BM

Der Klimawandel findet auch auf der Straße statt, das ganze Jahr. Deshalb darf es nicht nur die Kältehilfe geben.

In meinem Urlaub war es auf Kreta heftig warm. Einige Tage hintereinander Temperaturen von 35 Grad und mehr ausgesetzt zu sein, kann Menschen mürbe machen. „Das Wetter ist durchgeschüttelt“, sagen dann auch viele, der Winter war zu lang und deutlich zu kalt. 39 Grad heiß war es nun im Juni an etlichen Tagen, zu warm für diese Jahreszeit. Knapp 50 Grad waren es im vergangenen Sommer, die machten die Menschen aber gleich über Wochen mürbe, zum Teil fielen gar die Klimaanlagen aus. Wer aktuell die Nachrichten verfolgt, sieht, die Japaner leiden. Auch sie sind ungewohnten Temperaturen ausgesetzt. Wer sich aber nicht sonderlich viel aus der Nachrichtenlage macht, spürte es am letzten Montag am eigenen Körper, diese Spitzentemperaturen waren zu viel.

Die Hitze machte auch mir schwer zu schaffen, ich bin 65 Jahre alt, gesund, konnte mir kühle Getränke kaufen, war angemessen, luftig bekleidet, leistete mir einen leichten Salat, fand zweimal sogar länger Zuflucht in Büros mit Klimaanlagen. Meine Wohnung schützt mich, nicht nur vor Gewalt und Übergriffen, auch vor Widrigkeiten des Wetters. Es ist noch relativ kühl in ihr. Sturm, Kälte, Hitze, Regen, das setzt mir alles wenig zu.

Mir begegneten am Montag aber gleich mehrere obdachlose Menschen in langen Mänteln, mit dicken Pullovern und Winterschuhen. Sie gingen in Zeitlupe, man sah das (wenn man hinschaute), das war beschwerlich. Nun muss man kein Fachmann, keine Fachfrau sein, um zu erkennen, sie sind schwer an der Seele erkrankt, denn das ist kein Problem fehlender Sommerbekleidung in den Kleiderkammern. Obdachlose Menschen, die sich in ihrem Leben verirrt haben, irre sind.

Vor Jahren bat ich Sie und Journalisten um Sonnencremes für obdachlose Menschen. Da hielten mich einige Journalisten für irre. Bis sie die Verbrennungen der Betroffenen sahen, die Haut, die diese sich in Fetzen von den Armen zogen. Das machte schon Sinn mit dem Sonnenschutz damals. Der Wasserautomat der Wasserwerke im Vorraum der Bahnhofsmission Zoo leistet seit Jahren übrigens gute Dienste, wenn denn genug Ehrenamtliche da sind, die das Wasser herausgeben. Gerade aber fehlen sie leider. Der Bus der Senatsverwaltung für Soziales, der vor Jahren an heißen Sommertagen Wasser zu Obdachlosen brachte, ja das half, das Angebot war bemüht, war eine faire Geste. Und auch jetzt sollen Menschen unterwegs sein, die helfen. Wo und wie, so richtig ist mir das nicht bekannt.

„Wer jetzt noch Klimawandel und Klimakatastrophe leugnet, hat einen an der Waffel“, sagte vergangenes Wochenende ein Freund aus Freiburg zu mir, der mich in Berlin besuchte. „Hier in Berlin kocht doch der Asphalt.“ Und dann reiste er vorzeitig ab nach Freiburg, in seinen Garten, weil er es hier nicht länger aushielt. Obdachlose Menschen haben keinen Garten.

Wir gießen die Bäume vor unserer Tür und lassen Menschen fast verdursten.

Und plötzlich war sie da, die einfache Erkenntnis, das mit dem Klimawandel nimmt doch stetig zu, und wir versuchen, gestaltend damit umzugehen, Land- und Forstwirte haben das längst erkannt. Und was passiert in der Obdachlosenhilfe? Grundsätzlich ja einiges – über das Tempo kann man aber streiten. Ist der Klimawandel, der doch längst zur Katastrophe geworden ist, hier angekommen? Von sporadischen Angeboten abgesehen, doch eher nicht. Waren am Montag Amtsärzte auf den Straßen unterwegs, um zu prüfen, ob Menschen sich gefährden und überfordert sind? Ich habe keine gesehen.

Die Erkenntnis ist einfach: Wir benötigen dringend neue Hilfsangebote, zusätzliche, die auf die Sommermonate ausgerichtet sind. Einige sofort, etliche für die nächsten Jahre. Die zukünftigen Sommer werden das Leben obdachloser Menschen gefährden. Das wird leider zunehmen. Wollen wir wetten? Wir haben ein neues, strukturelles Problem.