Nachtgestalten

Zum Duschen ins Hygienecenter am Zoo

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Dieter Puhl

Foto: pa/dpa/BM

Wenn das Geld nicht mal mehr für warmes Wasser reicht, geschweige denn für Currywurst oder einen Döner.

Berlin. Meine Enkeltöchter Luna und Mila sind fünf und sieben Jahre jung, und ich werde in den nächsten Monaten viel Zeit mit ihnen im Freien zubringen, oft mit ihnen in den Wald gehen. „Opa hat uns früher Wälder gezeigt,“ werden sie in 50 Jahren vielleicht sagen, „damals gab es sie ja noch. Schön waren sie.“ Nur noch jeder fünfte Baum in Deutschland ist gesund – mich hat die Nachricht geschockt.

Gut essen werden wir gehen, das machen wir schon lange. Das wurde in meiner Kindheit und Jugend auf dem Land genetisch angelegt, ich erfuhr und lernte, wie gute Produkte schmecken. Der Keller meiner Eltern war ein Paradies für mich, lauter Gläser mit Eingemachtem, hunderte Flaschen mit leckeren Säften, Würste und Speck und Schinken hingen von der Decke. Selbstredend wurde nichts mit Kunstdüngern gedüngt, Schweine, Enten, Hühner, Kaninchen produzierten genug Mist und der Komposthaufen war kein kleiner.

Zu meiner Frittenbude werden wir nicht gehen, ich möchte meine Enkeltöchter und mich nicht vergiften. Verstehen Sie mich bitte nicht falsch – ich liebe Pommes und ab und an auch eine Currywurst. Der Besitzer dort ist ein redseliger Mensch, trägt sein Herz auf der Zunge. „Jeden Monat erhöhen sich die Fleischpreise um zehn Prozent, der Liter Öl kostet nun statt 2,70 Euro stolze 4,80 Euro, die Kartoffelpreise explodieren“, sagt er. „Und wie bekommst du das hin?“ lautete meine Frage. Die Preise zu erhöhen traut er sich nicht, „dann bleiben die Leute weg“. Stattdessen spart er bei den Produkten, „solche Kartoffeln hätte ich früher nie gekauft.“

Neun statt fünf Euro für eine große Döner-Box

Sieht es beim Dönerstand um die Ecke eigentlich anders aus? Für die große Döner-Box verlangt der Betreiber nunmehr neun statt fünf Euro. Ob zusätzlich an der Qualität gespart wird, ich kann das nicht beurteilen.

Letzte Woche war ich übrigens mal wieder in Wedding, gerne trinke ich an der Bad-, Ecke Pankstraße einen Kaffee, schwelge in Erinnerungen, gegenüber im dritten Stock wurde vor knapp 33 meine Tochter Lavinia geboren; als Hausgeburt – eine sehr schöne Erinnerung. 300 D-Mark Miete kosteten die 80 Quadratmeter damals, zwei Zimmer, Ofenheizung, kein Bad. Das konnten wir uns locker leisten. Etwas verrückt bin ich wohl: Ich klingelte an der alten Wohnungstür. 820 Euro zahlen die Mieter dort jetzt und finden das preiswert, immerhin ist eine Dusche eingebaut. „Nur die Gasheizung, die drückt doch sehr.“ Ich finde das sehr teuer. Geiselhaft – umziehen kann niemand mehr in Berlin. Neun Euro kostet übrigens der Eintritt inzwischen im privat betriebenen Strandbad Plötzensee. Hey, das ist Wedding und nicht Zehlendorf.

Allzu laut werde ich jetzt nicht meckern, denn es geht mir weiterhin unvorstellbar gut. Andere aber wurden bereits vor Jahren abgehängt und sind nunmehr im freien Fall. „Haben Sie bitte eine saubere Unterhose für mich?“, fragen Menschen am Bahnhof Zoo beim Verlassen unseres Hygienecenters. Das sind auch alte Menschen mit eigener Wohnung, die sich zu Hause das Duschen nicht mehr leisten können.

So geht das alles nicht weiter

Viele Menschen empfinden die gerade gewährten Hilfen der Bundesregierung als Almosenpolitik. Sie sehnen sich aber nach sozialer Absicherung! Wenn das Geld für Currywurst oder Döner, das Mittagessen der einfachen Menschen, nicht mehr reicht, ist maximales Ungleichgewicht zwischen Arm und Reich erreicht. Eine Marktlücke: Die Älteren von Ihnen erinnern sich sicher noch ans Aschinger. Dort gab es die Schrippen zur Suppe immerhin gratis.

Himmlischer Vater, schenke uns mehr Fantasie und Gestaltungswillen, denn so geht das alles nicht weiter. Wir fahren diesen Planeten gerade restlos gegen die Wand. Bis uns deine Gaben erreicht haben, könnten wir es aber auch mit mehr Bescheidenheit probieren. Teilen hilft wohl sicher auch. Damit können wir doch heute noch beginnen.