Nachtgestalten

Haben wir nicht mehr auf der Pfanne?

| Lesedauer: 3 Minuten
Dieter Puhl
Dieter Puhl leitete als Sozialarbeiter die Bahnhofsmission am Zoo. In dieser Position konnte und wollte er nicht darüber reden, was ihm passiert war. Jetzt können es ruhig alle erfahren.

Dieter Puhl leitete als Sozialarbeiter die Bahnhofsmission am Zoo. In dieser Position konnte und wollte er nicht darüber reden, was ihm passiert war. Jetzt können es ruhig alle erfahren.

Foto: Reto Klar / FUNKE Foto Services

„Obdachlosigkeit zur Chefsache zu machen“ sollte mehr als ein Politiker-Versprechen sein. Bitte einfach mal hinschauen, was fehlt.

Neue Gesichter versprechen in der Bundesregierung eine andere Politik und legen durchaus ein beachtliches Tempo an den Tag, das auch zu verwirklichen. Umweltschutz, Mindestlohn, Außenpolitik, Menschenrechtsverletzungen, Innere Sicherheit, Gesundheits-, Finanz-, Verkehrspolitik … Die neue Koalition setzt nicht nur Akzente, sie scheint diese auch umzusetzen. Selbst beim Bauen kommt Bewegung in die Angelegenheiten. Und es wird ein neues Miteinander angestrebt. Prima – da bin ich gerne mit dabei, auch ich möchte als Christ doch Jammertäler überwinden. Aber halt, bitte korrigieren Sie mich: Hat irgendjemand Nennenswertes zu dem Krebsgeschwür in unserer Gesellschaft gesagt, zur Obdachlosigkeit, die nichts anderes ist als Menschenrechtsverletzungen in Hamburg, Eutin, Heidelberg, München, auch in Berlin?

Und egal, ob man aus Eutin oder Heidelberg kommt, der Bundestag tagt doch in Berlin, und wir sind doch immerhin die Hauptstadt der Obdachlosen. Blenden alle aus, schauen alle weg, haben wir uns daran gewöhnt, sind wir alle hartherzig geworden? Ich befürworte sofort mehr Geld für gute Entwicklungspolitik, Barmherzigkeit kennt keine Reihenfolgen, wir können und müssen anderen solidarisch beistehen. Unter den Brücken in Deutschland und der Bundeshauptstadt sind aber schleichend kleine Slums entstanden, vieles erinnert an die sogenannte Dritte Welt. Geschätzte Abgeordnete, beschummeln Sie sich ruhig weiter, wie schön alles werden wird. Aber gehen Sie besser nicht in Berlin spazieren.

Leben auf der Straße ist of mehr ein furchtbares Sterben

Nun zu Berlin: Das sogenannte Leben auf der Straße ist oft doch mehr ein furchtbares Sterben. Viele geben sich ja Mühe, dem Einhalt zu gebieten, etliche Menschen erreichen wir auch. Aber man muss kein Fachmensch sein, einfach mal hinschauen, bitte: Es werden mehr, und ihre Verelendung nimmt stetig zu. Verelendung aber ist ein weichgespültes Wort für unhaltbare Zustände.

„Obdachlosigkeit zur Chefsache machen“: In bald 30 Berufsjahren hörte ich das fast von allen Regierenden Bürgermeistern, das hielt sich dann auch jeweils eine Woche in den Medien und rutschte dann erneut nach hinten. Wir sind extrem vergesslich. Niemand sollte das ohne Not so sagen, denn natürlich ginge da mehr, auch mit einem anderen Tempo. Wenn man es denn mehrheitlich wollen würde.

Wo sind denn die nötigen 25.000 zusätzlichen Wohnungen?

Wollen wir es aber wirklich? Wo sind denn die nötigen 25.000 zusätzlichen Wohnungen (oder sind es mehr) für die betroffenen Menschen, wie sehen die Finanzierungsmodelle für Hilfen und Begleitungen aus, wann machen sich die zuständigen Fachärzte auf den Weg, um sich um die klappernden Seelen zu kümmern, wo ist das zusätzliche Personal? Und egal, wie gut der Ansatz von Housing First auch ist, hey – wir sprechen da gerade von 80 Plätzen. Und es wird aktuell als Erfolg gewertet, wenn die Finanzierung dieser Plätze nun gesichert erscheint. Wann aber wird eine unstrittig gute Hilfe zum Feigenblatt?

Lasst uns doch bitte kurz den Rechenschieber in die Hand nehmen und ein- oder zweitausend Plätze durchrechnen, über Jahre, die wir tatsächlich bräuchten. Oder habe ich da in den Haushaltsverhandlungen etwas verpennt? Es wurde in den letzten Jahren doch sehr viel politisch bei dem Thema gegengesteuert, wichtige Stellschrauben wurden gestellt, zusätzliche Hilfen wurden entwickelt. Berlin ist da sehr weit vorne. Danke! Sonst wäre alles noch schlimmer. Leider aber ist es doch schlimm genug. Haben wir nicht mehr auf der Pfanne?