Nachtgestalten

Fürchtet euch nicht!

Weihnachten wird anders, aber es wird gefeiert, so oder so. Dieter Puhl mit einem Blick zurück in vergangene Zeiten.

Dieter Puhl schreibt jeden Sonnabend für die Berliner Morgenpost.

Dieter Puhl schreibt jeden Sonnabend für die Berliner Morgenpost.

Foto: jörg Krauthöfer /Funke MedienGruppe

Berlin. Der Geruch von Pfefferkuchen lag im ganzen Haus, sie Tage vorher gemeinsam mit meiner Mutter zu backen, hatte immer etwas Exotisches. Die Gewürze und Zutaten dafür waren damals um 1960 herum zumindest in unserem Haushalt nicht alltäglich: Koriander, Kardamom und Ingwer, Anis und anderes waren eher fremd, Pottasche wurde gar in der Apotheke gekauft. Geläufig aber waren Zimt, Nelken, Piment und Muskat. Ich kann nicht backen, erinnere mich aber gerne. Auch an das gemeinsame Backen der Kekse in den Wochen zuvor. Unmengen. Das reichte immer mindestens bis in den März (da waren die Pfefferkuchen ja erst richtig gut). Geblieben ist auch meine Liebe für Mohnstollen. Wir bauten den Mohn selbst an und deshalb wurde damit beim Backen nicht gegeizt.

Weihnachten mit meiner Oma, meinem Onkel, meinen Eltern, meiner Schwester und mir in Altenholz bei Kiel, ich erinnere mich gerne. Der Duft von Apfelsinen war damals auch eher fremd. Wurde eine frische Ananas gekauft, wir kannten sie zuvor nur aus Dosen, wussten wir zunächst gar nicht, wie das Teil zu schälen war. Das Miteinander am Heiligen Abend, meine Oma las aus der Bibel vor und spielte Weihnachtslieder auf dem Kamm. Unser gemeinsames Singen hörte sich eher unbeholfen an. Natürlich waren Geschenke wichtig, mein Kasperletheater – meine Puppe Peter war größer als ich –, der Kaufmannsladen, später dann die elektrische Eisenbahn. Es waren gute Jahre.

Mit 14 aber wurde mir das bereits zu eng, auch etwas zu langweilig und es zog mich zu den Obdachlosen und den Gastarbeitern in den Kieler Hauptbahnhof. In den Jahren darauf ist das ja oft mein Platz geblieben und in meinem tiefsten Inneren bin ich auch etwas ein Weihnachtsmuffel geblieben.

Der kommende Montag wird wegweisend für uns alle dafür, wie wir in den nächsten Wochen gemeinsam oder einsam miteinander leben. Wie viel Miteinander ist während dieser Pandemie möglich? Und es macht sich eine große Unruhe breit – wir lassen uns doch das gemeinsame Weihnachtsfest nicht vermiesen. Deshalb werden etliche Entscheidungen wohl auch bis zum 20. Dezember befristet sein.

Fast alle starren auf das Weihnachtsfest, einige aber warnen, der Winter wird noch lang. Vielen glaube ich das ja, längst aber nicht allen, dass das Miteinander mit Tante Uschi oder Opa Heinz und den Eltern und der Familie plötzlich wieder so wichtig ist. Für manche, die das sonst nur für Folklore halten, wird plötzlich der Gottesdienstbesuch zum Essential. Wirklich? Überall aber liegen Chancen – es ist das Fest der Hoffnung und der Zuversicht. Lassen Sie uns das bitte alle nicht überbewerten, an Weihnachten wird es schon keine Aufläufe, Gelage und zügelloses Miteinander geben. Ruhiger wir es. Auch entschleunigter und das ist ja vielleicht sogar gut. „Fürchtet euch nicht“, lautet die Weihnachtsbotschaft nach Lukas; ich bin sicher, dieses Jahr gibt sie noch mehr als sonst Trost. Probieren Sie es mal wieder und werfen einen Blick in die Bibel. Wer keine hat – das steht auch alles im Internet.

Ich weiß noch nicht, wie ich Heiligabend feiern werde. Natürlich zieht es mich zu meiner Tochter und ihrer Familie, zu meinen Enkelkindern. Ich entscheide das nicht heute – noch sind mir alle Zahlen, die ich über Covid-19 lese einfach zu heiß. Sicher werde ich aber in diesem Jahr mehr als sonst an andere denken: Die Busfahrerin, den Verkäufer, die Polizisten und auch die obdachlosen Menschen. Gerade für sie fallen viele Weihnachtsfeiern aus.

Weihnachten miteinander wird uns eher nicht umbringen, Silvester macht mir da schon größere Sorgen. Viele zieht es dann mit zwei Promille oder mehr leider einfach raus. Und das wird unvernünftig und schlecht einzufangen sein. So sind wir aber leider: manchmal auch etwas doof.

Dieter Puhl arbeitet seit 28 Jahren in der Wohnungslosenhilfe der Berliner Stadtmission, seit 2019 führt er die Stabsstelle für christliche und gesellschaftliche Verantwortung. Er schreibt jeden Sonnabend an dieser Stelle.