Nachtgestalten

Der verlorene Sohn aus dem Grunewald

Wie es gelingen kann, Menschen aus der Obdachlosigkeit zu holen – ein besonderer Montag.

Dieter Puhl schreibt jeden Sonnabend für die Berliner Morgenpost.

Dieter Puhl schreibt jeden Sonnabend für die Berliner Morgenpost.

Foto: jörg Krauthöfer /Funke MedienGruppe

Mit Sünde und Vergebung hat das heute gar nichts zu tun, mein Kollege Jürgen hatte weder seine besten Gewänder angezogen noch ein Mastkalb geschlachtet. Einen guten Kaffee gab es, und die Freude war einfach riesig. Es erinnerte mich dennoch an die Geschichte des verlorenen Sohnes. Jürgen arbeitet im Übergangshaus der Berliner Stadtmission, hier finden obdachlose Menschen wieder Heimat, hier wird ihnen konkret geholfen. Weil Jürgen und ich uns gut kennen und sehr mögen, plaudern wir häufig miteinander. „Die Menschen aus dem Wald ziehen immer zu mir,“ begrüßte er mich am Montag und strahlte dabei über das ganze Gesicht. Ein Festtag!

„Wolfgang aus dem Grunewald“ – Jürgen stellte uns vor. Wie ein Zausel aus dem Wald sah Wolfgang ja nicht aus. 59 Jahre alt, ich hätte ihn für jünger gehalten, gepflegt vom Scheitel bis zur Sohle, guter Haarschnitt, kurzer, grau melierter Bart, angenehme Stimme. Kein verlebtes Gesicht, keine tiefen Falten. Man sieht es, wenn ein Mensch 20 Jahre abhängig trinkt und sieht es auch, wenn jemand keinen Tropfen anrührt.

Obdachlos seit 2016 – das reichte nun wirklich!

Ja, auch mein Gegenüber war froh über diesen neuen Start, obdachlos seit 2016 – das reichte nun wirklich! Wolfgang erzählte, vermutlich sogar gerne – wenn man so lange zurückgezogen und reduziert gelebt hatte. Ein authentischer Mensch, aber das mit dem einsamen Wolf nahm ich ihm doch nicht ganz ab. Jeder kokettiert gerne, ich auch. Dazu lebt Wolfgang viel zu gerne unter Menschen. Selbst im Wald teilte er sich das Zelt mit einem Kumpel. Den Vögeln beim Gesang zuzuhören, alle können wir uns das vorstellen, das hat etwas, nur verklären sollten wir das nicht.

Einer musste das Zelt ständig bewachen, futsch, sonst ist es weg. Dann war er dort oft 15 Stunden am Tag allein, abwechselnd mit seinem Freund; verdammt einsam war das oft gewesen. Kalt war es auch. Manchmal auch ungemütlich. Mit dem Essen wusste man sich zu helfen, ein kleiner Kocher gehörte zum wichtigen Besitz der beiden.

Leben erfordert auch Kraft und Mut

Wolfgang berichtete aus einzelnen Stationen seines Lebens. Das mit der Lehre zum Hufschmied hatte ihm gefallen, sechs Aufenthalte in Gefängnissen der DDR weniger. „Das kam davon, wenn man eine laute Klappe hatte und ständig raus wollte.“ Bei der Geschichte mit seiner Ehefrau wurde Wolfgang leiser, 20 gemeinsame Jahre waren gute Jahre und ich konnte das verstehen, wenn du deine sterbende Ehefrau in den Armen hältst, das kann dir schon die Füße weghauen. Leben erfordert auch Kraft und Mut. Fast hätte Wolfgang „Dummheiten“ begangen, ein Freund hielt ihn davon ab. Nicht aber davon, alles hinzuschmeißen.

Manchmal fragen mich Leserinnen und Leser nach den Ursachen für Obdachlosigkeit – das hier mit Wolfgang ist ja nur eine Geschichte. Was mich aber freute: Auch als obdachloser Mensch möchte man mal duschen und Wert auf sein Äußeres legen, und das tat Wolfgang zweimal wöchentlich im Hygienecenter am Bahnhof Zoo.

Sie erinnern sich, die Deutsche Bahn eröffnete es vor fünf Jahren (am 3. Dezember ist Jubiläum), der Berliner Senat trägt den laufenden Betrieb. Dort angekommen, ist der Weg zur Bahnhofsmission Zoo nicht weit. Hier warten leckeres Essen, Bekleidung, Gemeinschaft. Auch für einsame Wölfe.

Es dauerte ein Jahr, und plötzlich ging alles ganz leicht

Wolfgang lernte Tina kennen, Tina ist in der Mission als Sozialarbeiterin und Seelsorgerin für die Beratungen zuständig. 60 plus nennt sich ein Frühstücksangebot für die älteren Gäste, unsere Kollegin leitet das, alles ist ein wenig entschleunigt, man hat Zeit füreinander, das ist gut so und gewollt – man kommt sich näher. So kann Vertrauen wachsen.

Als prima Sozialarbeiterin aber ist man gut vernetzt, Tina kennt das Übergangshaus, kennt ihren Kollegen Jürgen. Es dauerte ein Jahr, und plötzlich ging alles ganz leicht. Mannschaftssport kann man das nennen, Synergieeffekte nennen es andere. Sicherstellen der Leistung auch. Wolfgang wird diesen Winter schon mal nicht im Grunewald erfrieren.

Montag war ein Festtag – jetzt verstehen Sie das etwas besser. Guten, tragenden Rückenwind Dir, Wolfgang – aber auch Ihnen, werte Leserinnen und Leser.