Kolumne Nachtgestalten

Coronavirus in Berlin: Nicht mein Bier – oder?

Das Coronavirus kleinzuhalten, ist eine Angelegenheit aller. Doch nicht jedem gelingt der Verzicht.

Dieter Puhl arbeitet seit 28 Jahren in der Wohnungslosenhilfe der Berliner Stadtmission, seit 2019 führt er die Stabsstelle für christliche und gesellschaftliche Verantwortung.

Dieter Puhl arbeitet seit 28 Jahren in der Wohnungslosenhilfe der Berliner Stadtmission, seit 2019 führt er die Stabsstelle für christliche und gesellschaftliche Verantwortung.

Foto: jörg Krauthöfer /Funke MedienGruppe

Berlin. Angenommen, Corona wird gerade überbewertet, ist „Fake“ – dann, in der Tat, liefe vieles schief in Deutschland, in Europa und der Welt. Und die deutliche Mehrheit hätte sich dann wirklich eines Tages bei einer kleinen Minderheit zu entschuldigen. Zweite Annahme: Es ist die größte Bedrohung weltweit, kann unsere Gesundheit, unser Leben und unseren Wohlstand kosten.

Ich werfe heute mal einen Blick auf meinen Freundes- und Bekanntenkreis: Heinz ist Pensionär und geht immer recht vorbildlich durchs Leben, ein freundlicher, hilfsbereiter und rücksichtsvoller Mensch. Nun hat er 14 Tage Urlaub mit seiner Frau im Schwarzwald verbracht, beide erlebten gute Tage dort. Die Bahnfahrt fanden beide recht sicher, es war sehr leer im Zug, vor Ort lebten beide eher zurückgezogen.

Jens liebt sein Feierabendbier, gern mit Freunden in einer gemütlichen Kneipe, und das können auch schon mal vier bis sechs Bier werden. Hat er sonst nichts vor, dann gibt es Bier auch an fünf Abenden in der Woche. Eine gute Kneipenkultur und soziale Kontakte sind ihm nicht nur wichtig, sie sind für ihn Ausdruck von Lebensqualität und persönlicher Freiheit.

Diese Freiheit spürt mein Freund Torsten im Fußballstadion, das hat Tradition, mit anderen Fans, bei packenden Spielen. Sonst doch sehr zur Vernunft neigend, liegt man sich hier auch schon mal in den Armen, gelegentlich sogar mit drei Promille. Ach ja, das gemeinsame Weihnachtssingen mit Freunden und Fans, das darf nicht ausfallen. Eine gute und wichtige Auszeit, eine lieb gewonnene Tradition.

Ellen dagegen lebt sehr zurückgezogen, arbeitet zwar viel, erledigt etliches aber in Videokonferenzen, meidet persönliche Begegnungen, verzichtet auf eine Menge. Sie macht das seit Monaten, und nie habe ich sie klagen hören. Ihr Vater ist alt und krank – Risikogruppe.

Darf ich Ihnen kurz erzählen, wie mein Urlaub in den letzten 14 Tagen in Berlin war? Überwiegend mies! Meinen Flug nach Kreta hatte ich verfallen lassen, die Reise dorthin erschien mir einfach zu risikobehaftet. Meine Familie war dort, und ich blieb voller Sehnsucht zurück. Mir fehlten meine Liebsten, aber auch Wein und Gesang und gutes Wetter – und in Schleswig-Holstein wollte man mich auch nicht richtig haben. Bin ich aber heulend durch die Straßen gerannt und habe jedem von meinem traurigen Schicksal berichtet? Nö! Und das will ich auch jetzt nicht machen – das Leben ist leider nicht ständig ein Ponyhof – und damit nun auch genug.

Hochzeiten mit 300 Menschen, Party machende Jugendliche, Wohnbedingungen der Beschäftigten in der Fleischindustrie, höhere Testkapazitäten und anderes gelten als Ursache für das starke Anwachsen der Zahlen. Ich mag das so aber nicht mehr glauben, weil ich vermute, dann wäre uns das nicht so entglitten. Am Anfang der Pandemie waren wir noch überwiegend im Gedanken an die notwendigen Maßnahmen beieinander, waren konzentriert und auf den Punkt sorgsam, ist es zwar nicht uns allen, aber immerhin vielen von uns doch entglitten.

Meine Freunde Heinz, Jens und Torsten sehen das anders als ich, etliche von Ihnen ja vielleicht auch, deshalb zieht es viele in den Urlaub, in die Bars und in die Stadien.

Bei den anderen aber und bei Ellen möchte ich mich bedanken: Wer gerade freiwillig verzichtet, gewinnt möglicherweise viel.

Allen aber ein gutes Wochenende!