Nachtgestalten

Manchmal sitzt der verlorene Sohn direkt vor unserer Tür

Wir sollten nicht nur Fitness betreiben, sondern auch weite Herzen trainieren, schreibt Dieter Puhl.

Wir kümmern uns. Gerne um unser Auto, da können wir viel Zeit zubringen. Auch um unseren Garten, unser Haus oder unsere Wohnung. Wir kümmern uns auch um Hund oder Katze – oder wie ich um mein Aquarium oder meinen Balkon. Und manchmal kümmern wir uns ja sogar auch um uns selbst.

Können Sie sich noch an die Fitnesswelle erinnern, an Sport vor dem Fernsehgerät mit Jane Fonda? Ich will ja zugeben, Jane Fonda ist etwas für die Älteren, das mit der Fitnessbewegung findet alle paar Jahre einen neuen Namen, hält aber an, die Muckibuden sind ja voll. Fitnesstraining ist die Sportart Nr. 1 in Deutschland, ich hätte das nicht gedacht. Fitness, Wandern und Schwimmen gehören dazu, liegen deutlich vor Fußball und anderen Sportarten.

Eine gute Figur, Ausdauer, Waschbrettbauch, breite Schultern und schmale Hüften, wir machen viel, investieren Energie, Zeit und Geld – und oft sieht man uns das ja auch an; und manchmal ist es ja auch schön anzusehen.

Lasst uns unsere Herzmuskeln trainieren

Habe ich Zeit und Muße, beobachte ich uns Menschen in Ruhe, in Cafés, auf der Decke im Park, schaue ich mir dabei sogar selbst über die Schulter, möchte ich zunehmend aber eine andere, weitere Sportart anregen: Lasst uns unsere Herzmuskeln trainieren, denn weite Herzen tun uns allen gut!

Lesen Sie diese Kolumne regelmäßig, wissen Sie: Ich leide, wenn ein obdachloser Mensch Zeitungen im Biergarten anbietet und von allen Gästen fast niemand hochschaut und den Menschen wahrnimmt, geschweige denn im Geld gibt. Und ich leide, wenn wir Menschlichkeit und Barmherzigkeit vergessen und eng und oft hartherzig die Anzahl von Flüchtlingen diskutieren, die wir aufnehmen. Ich leide, wenn ich von alten Menschen lese, die in Senioreneinrichtungen leben und keinen Besuch bekommen. Und ich leide auch, wenn ich für meine Enkeltöchter zu wenig Zeit aufbringe.

Wo bleibt die Zeit für Tante Uschi?

Weltweit geben wir für Fitness jährlich 100 Milliarden Dollar aus, in Deutschland immerhin sechs Milliarden. 11,6 Millionen Bundesbürger gingen 2019 regelmäßig dem Fitnesstraining nach. Wo aber bleibt die Zeit für Tante Uschi, die einsam von ihrem Balkon aus das Leben betrachtet? Ich möchte nicht ungerecht sein, sehr viele Menschen engagieren sich ehrenamtlich, die Zahlen steigen ja sogar. Viele spenden, etliche sogar regelmäßig. Und trotzdem läuft da etwas aus dem Ruder. „Samstags gehört der Vati mir“, diese Forderung der 1950er-Jahre darf zum Beispiel durchaus neu gelebt und interpretiert werden. Damals ging es um die Fünf-Tage-Woche, heute sind freie Wochenenden für viele Eltern selbstverständlich.

Macht das aber Sinn, wenn Vati vormittags Stunden auf Facebook zubringt, während die Kinder vor der Glotze oder dem Smartphone sitzen? Hey, ihr Lieben, lasst den Computer mal aus, zumindest am Sonnabend, und wagt wieder mehr richtiges Leben. Zuhören, nachspüren, sich Zeit nehmen, weite Herzen trainieren, gegen die Hartherzigkeit im Alltag. „Soul building statt body building“, nicht von mir der Satz, ich habe aber leider vergessen, von wem.

Ist uns jemand verloren gegangen, so müssen wir ihn suchen

Ich war fünf und ich war mit meinem Vater am Strand und schwups! hatte ich mich am belebten Strand verlaufen. Ich weiß noch, welche Angst ich hatte, wie einsam ich mich fühlte, und ich habe wohl auch geweint. Der verlorene Sohn. Ich erinnere auch, es gab Menschen, die trösteten mich. Und ich erinnere mich an meinen Vater, in großer Sorge (und wohl auch mit einem schlechten Gewissen) hatte er sofort begonnen, mich zu suchen. Als er mich fand, in die Arme nahm und tröstete, schimpfte er nicht mit mir. Unsere Freude war groß. Und zur Belohnung gab es sogar ein Eis. Eine einfache Wahrheit ist doch, ist uns jemand verloren gegangen, so müssen wir ihn suchen und wir sollten uns nicht ewig Zeit dabei lassen.

Ich wünsche Ihnen einen gesegneten Sonnabend, lassen Sie also ruhig mal den Computer aus, nehmen Sie sich Zeit und machen sich auf die Suche. Nach dem verlorenen Sohn – manchmal sitzt er direkt vor unserer Haustür. Weite Herzen trainieren, an der inneren Schönheit basteln, das ist mehr als ein Sixpack – viel Freude dabei!