Kolumne Nachtgestalten

Was träumen obdachlose Menschen?

Menschen, die auf der Straße leben, können selten ruhig schlafen – und das aus ganz unterschiedlichen Gründen, weiß Dieter Puhl.

Dieter Puhl arbeitet seit 27 Jahren in der Wohnungslosenhilfe der Berliner Stadtmission, seit 2019 führt er die Stabsstelle für christliche und gesellschaftliche Verantwortung.

Dieter Puhl arbeitet seit 27 Jahren in der Wohnungslosenhilfe der Berliner Stadtmission, seit 2019 führt er die Stabsstelle für christliche und gesellschaftliche Verantwortung.

Katharine Mehrling ist nicht nur eine wundervolle Schauspielerin und Sängerin, sondern auch ein freundlicher und hilfsbereiter Mensch. Schon länger setzt sie sich für die Belange obdachloser Menschen ein, und wenn sie kann, dann hilft sie. Gerade fühlt sie sich in das Leben dieser Menschen ein und ich bin gespannt, vielleicht wird ja ein einfühlsamer Song daraus.

„Was träumen obdachlose Menschen?“, fragte sie mich nun. Nicht „wovon“, denn da unterscheiden sich obdachlose nicht sehr von anderen Menschen. Der eine hätte gern Familie, die andere möchte lieber im Ausland leben, von einem guten Job und einen besseren Leben träumen wohl alle.

Bist du obdachlos, ist das mit dem Schlaf ja schon so eine spezielle Sache. Tiefenentspannt ist der selten, kein wärmendes Bett, keine behagliche Wohnung, die dich schützt, innere Unruhe hält oft auf Trab. Da sind die Ängste, die realen: Wer belästigt dich, wer schlägt dich, wer ist übergriffig? Deshalb ist der Schlaf oft kurz, ein Auge bleibt eigentlich wach, deshalb sind viele obdachlose Menschen auch so unendlich müde. „Nach dem Essen halte ich nun Mittagsschlaf. Endlich und nach Jahren, der totale Luxus“, sagt einer der Bewohner in unserer neuen Einrichtung, in der Menschen sich 24 Stunden am Tag und in der Nacht aufhalten können.

Und dann fällt mir Sam ein, der erste obdachlose Mensch, den ich näher kennenlernte. Er war ungefähr 50, ich 18, es war in der „Herberge zur Heimat“ in Spandau, mein erstes Praktikum. Er hatte in der Fremdenlegion gedient. Sam konnte eigentlich gar nicht schlafen, hatte regelrecht Angst davor. Getötete Kinder verfolgten ihn im Schlaf, vergewaltigte Frauen. Sam war einer der Täter. „Was können Menschen anderen antun?“ Sam aber war nicht nur Monster, es gab auch weiche Seiten. Viele Nächte saßen wir zusammen, er berichtete, ich hörte zu, etwas Beichte war wohl auch dabei. Schon damals war ich kein guter Ankläger, für die Vergebung bin ich im Regelfall auch nicht zuständig, um die kann man nur bitten, im Gebet – und das taten wir dann auch gemeinsam.

Klara träumte oft von einem anderen Körper, im Traum war der schöner als ihrer, er war weiblich. Eigentlich hieß Klara noch Robert, aber Mann zu sein fühlte sich für sie nicht richtig an. Diese Metamorphose ist schwierig, ohne Wohnung, ohne fachliche Begleitung und Ärzte ist es eher ein Ding der Unmöglichkeit. Wenn Sehnsüchte dich im Schlaf überrollen, kannst du es mit der Angst zu tun bekommen.

Sehnsüchte hatte auch Klaus, nach einem besseren Leben, einer heilen Jugend, anderen Träumen. Nachts hatte er Angst vor dem Feuerhaken, dem Gürtel, seinem prügelnden Vater. Wer will schon schlafen, wenn jede Nacht diese Erinnerungen kommen. Drei Flaschen Wodka am Tag ermöglichten oft das nächtliche, komatöse Abtreten. Bloß keine Träume!

Maxi wurde an eine Heizung gekettet, wenn der Mann die Wohnung verließ. Obdachlose Frauen suchen gelegentlich Schutz bei Männern mit Wohnungen, selten sind diese zuvorkommend, altruistisch und schützend. Eher erleiden die Frauen Misshandlungen, Vergewaltigungen, Gewalt. Hat man diese Erfahrungen schon als Mädchen gemacht, ist es schwerer, der Opferrolle zu entfliehen, und es verfolgt dich. Schlaf ist dann kein sanftes Ruhekissen.

Das Leben ist für obdachlose Menschen meist der Kampf ums Überleben, 24 Stunden am Tag. Es ist gut, wenn wir ihnen als Gesellschaft helfen. Manchmal begleiten das gute Therapeuten, und haut dann alles hin, können Menschen sogar wieder oder erstmalig beruhigt schlafen. Geschätzte Katharine Mehrling, ob dir das hilft, einen schönen Song zu schreiben, ich habe da meine Zweifel, aber ich bin gespannt. Traurige Songtexte kannst du auch sehr gut!