Nachtgestalten

Corona-Krise: Endlich sagen wir einmal "Danke"

Mehr Gehalt für „Systemrelevante“: Sie sollen es nicht geschenkt bekommen, sie haben es verdient, findet Dieter Puhl.

Kolumnist Dieter Puhl.

Kolumnist Dieter Puhl.

Foto: Jörg Krauthöfer / Funke Foto Services

Es war in Wittenberg und ist gar nicht so lange her, der Friseurbesuch war angenehm und kostete 6,50 Euro. Mir trieb das die Tränen in die Augen – und nicht, weil ich froh über dieses Schnäppchen war. Ich dachte nur, oh mein Gott, davon kann doch kein Mensch leben.

Meine Bezahlung bei der Berliner Stadtmission ist fair, ich muss mich da über gar nichts beklagen, sondern bin sehr zufrieden, und meine Vorgesetzten geizen noch nicht mal mit einem Dankeschön. Und ich weiß einfach, beides tut mir gut.

Krankenschwestern- und pfleger, Altenpfleger, Kassiererinnen und viele andere, alle, die gerade an und über ihre Grenzen gehen: Menschen, die unsere Systeme aufrechterhalten und retten, wir sagen ihnen nun endlich oft genug „Danke“. Auf Balkonen wird geklatscht und gesungen und in täglichen Begegnungen wird das gezeigt. Schnell kam die Diskussion auf, das würde nicht reichen. Mehrere Bundesländer überlegen ja, Prämien an diese Menschen zu zahlen, die ich ihnen natürlich von Herzen gönne und ja, das ist schon lange überfällig.

Danken tut gut, und mehr Gehalt ist überfällig

Als etwas ärgerlich empfinde ich, dass dabei die Form des persönlichen Bedankens wieder in den Hintergrund gerät. Geld kommt selten vom Herzen, das kann man aber mit einem Lächeln und einem Nachfragen, wie es denn geht, wunderschön zum Ausdruck bringen, und wir alle wissen wohl, das tut gut. Mein Geschäftsführer stand noch nie klatschend und singend auf dem Balkon, um mir seine Wertschätzung mitzuteilen. Ich würde es glatt annehmen. Und ich möchte eingestehen, ich selbst habe wohl auch mit der entsprechenden Anerkennung gegenüber Menschen gegeizt, für die ich als Leiter verantwortlich war.

Danke heißt: Danke. Ein eigener Wert und wertvoll. Mehr Gehalt aber ist für viele seit Jahren überfällig. Das erreichen wir nicht durch Forderungen auf Facebook. In diesem Jahr wird es wohl sicher nicht möglich sein, das wäre eher am 1. Mai in einer Demonstration auf der Straße umzusetzen oder durch kontinuierliche Mitarbeit in einer Gesellschaft.

Die nächste Krise kommt vermutlich leider, und dann sind andere Tätigkeiten systemrelevant. Lassen Sie uns zusammen darauf achten, dass die Menschen dann rechtzeitig fair und ausreichend bezahlt werden.

Dieter Puhl arbeitet seit 27 Jahren in der Wohnungslosenhilfe der Berliner Stadtmission, seit 2019 führt er die Stabsstelle für christliche und gesellschaftliche Verantwortung. Er schreibt jede Woche für die Berliner Morgenpost.