Nachtgestalten

Im Mittelmeer sterben Menschen, und ihr bunkert Klopapier?

Werte wie Nächstenliebe werden geopfert – und wir geraten in Panik, weil uns Toilettenpapier fehlt?, fragt Dieter Puhl.

Dieter Puhl arbeitet seit 27 Jahren in der Wohnungslosenhilfe der Berliner Stadtmission, seit 2019  führt er die Stabsstelle für christliche und gesellschaftliche Verantwortung.

Dieter Puhl arbeitet seit 27 Jahren in der Wohnungslosenhilfe der Berliner Stadtmission, seit 2019 führt er die Stabsstelle für christliche und gesellschaftliche Verantwortung.

Foto: jörg Krauthöfer /Funke MedienGruppe

Berlin. Kann jemand an einem Herzinfarkt erkranken, der schon lange kein Herz mehr besitzt? Eine wichtige Frage, aktuell vermutlich sogar die entscheidende, denken wir an die, die als Flüchtlinge bei uns vergeblich Schutz suchen. Darüber haben wir oft geredet und alle hatten ein schlechtes Gewissen. Nach Hanau wurde zumindest ich oft gefragt, vereinzelt nach Thüringen, kritisch nach Rechtspopulismus in Deutschland. Gelegentlich fragte ich kritisch zurück, andere sind da ja nicht unbedingt Vorbild in Europa.

Um Erderwärmung ging es, fehlenden Klimaschutz, eine böse Wirtschaftsordnung, Ungleichheit in Europa, mehr noch in der Welt, um schwindenden Respekt der Menschen untereinander, permanente Beleidigungen vieler gegenüber vielen.

Ich verbrachte zehn Tage Urlaub auf La Palma und fast jeden Abend tagte das „Europaparlament“ in der kleinen Bar am Strand. Italiener, Franzosen, Österreicher, Niederländer, natürlich Spanier, Freunde, Bekannte, Zufallsbekanntschaften, mittenmang ich.

Waren die Tage Wanderungen vorbehalten, bei mir war es oft der Strand, so waren die Abende und Nächte doch lang. Der Urlaub war rund, das Wetter heftig, aber gut, der Gin Tonic abends lecker. Gerade im Februar und März läuft meine Seele unrund, mir fehlt einfach das Licht, mit etwas Glück ist solch ein Urlaub stets auch etwas Therapieprogramm für mich.

Das hat in diesem Jahr prima funktioniert. Die Zeit für Gespräche, Diskussionen, Kontroversen ist in Berlin meist knapp bemessen und ich mag das sehr, mit anderen morgens um zwei über Tellerränder zu schauen. Komme in Berlin nur danach morgens um halb sechs schlecht aus den Federn.

Ihr bunkert Toilettenpapier? Ich schäme mich!

Wirkliche deutsche Freunde habe ich auf La Palma keine, Bekannte einige und der Zufall bringt ja manchmal auch Fremde mit an den Tisch. Dort, wo es sich um meine Landsleute handelte, bereicherten sie die Gespräche ungemein, ausschließlich mit einem Thema: Angst um fehlendes Toilettenpapier! Da half mir manchmal auch kein Cocktail mehr. Eigentlich will ich nicht in einer Welt leben, deren größtes Problem fehlendes Klopapier ist. Shit. Sie kauften und horteten wirklich Toilettenpapier, bunkerten das in den Hotels, klauten es da sogar, tauschten Ratschläge aus, wie man sich bevorraten konnte. Ich schämte mich.

Für die Ängstlichen: Die Römer banden eine Schwamm an eine Stock und tränkten ihn mit Wasser. Die Griechen sollen Steine und Tonscherben benutzt haben, die Germanen Stroh und Laub, im Mittelalter war Moos der Renner. Toi­lettenpapier wurde im 14. Jahrhundert in China gefertigt. Sand hilft – und in vielen Weltregionen schlicht Wasser.

Ich erinnere mich, 1963 lebte meine Patentante in einer Laubenkolonie und es gab ein Plumpsklo im Garten. Mir war das Ding nicht geheuer. Zeitungen wurden damals nicht nur gelesen, sondern resteverwertet. Es ging. Sogar gut.

Lasst und reden und miteinander streiten

Im Mittelmeer sterben Menschen, Werte wie Nächstenliebe und Barmherzigkeit werden geopfert, das Asylrecht ausgehöhlt. Und wir geraten in Panik, weil uns Toilettenpapier fehlt? Lasst uns miteinander über unsere Ängste reden. Die sind ja real, über wirkliches Leben, mit Zeit und Zuhören und Streiten, gerne auch morgens um zwei, wer mag, auch bei einem Gin Tonic. Lasst uns bitte miteinander nachspüren, was wirklich im Leben zählt.

Ich stehe ja auf Gebete, leider wissend, auch meine Seele ist oft eng. Ist das mal nicht so, weiß ich aber auch, wem ich zu danken habe. Wir haben nur uns, in Wut, Freude, unserem Mut, Scham und mit unseren Ängsten. Und war die Nacht mal lang, können wir danach ja auch erst um halb sieben aufstehen.

Beim Abschied wollten mir meine spanischen Freunde übrigens Toilettenpapier schenken. Ich habe es ihnen gerne gelassen, über die frischen Avocados habe ich mich dagegen sehr gefreut.