Nachtgestalten

Adolf kämpfte ein Leben lang gegen den Alkohol

Um sich aus der Sucht zu befreien, braucht es oft viele Versuche. Dieter Puhl erzählt die Geschichte von Adolf.

Dieter Puhl arbeitet seit 27 Jahren in der Wohnungslosenhilfe der Berliner Stadtmission, seit 2019 führt er die Stabsstelle für christliche und gesellschaftliche Verantwortung. Er schreibt jeden Sonnabend für die Berliner Morgenpost.

Dieter Puhl arbeitet seit 27 Jahren in der Wohnungslosenhilfe der Berliner Stadtmission, seit 2019 führt er die Stabsstelle für christliche und gesellschaftliche Verantwortung. Er schreibt jeden Sonnabend für die Berliner Morgenpost.

Foto: jörg Krauthöfer /Funke MedienGruppe

Es läuft nicht immer alles glatt in unserem Leben, darum ging es ja bereits häufiger an dieser Stelle. Wir alle sind wohl bemüht, einvernehmlich und im Guten miteinander zu leben, das klappt nicht immer, manchmal stolpern wir so vor uns hin, oft dabei über uns. Und wieder einmal geht es heute um Sucht und Alkohol. Etliche stellten das in Leserkommentaren bereits fest, das mit dem Alkohol bringt viel Leid in die Welt, für Kinder, Freunde, Familienangehörige, sich selbst. Gewähren wir Menschen Chancen, wieder und wieder, begegnen ihnen mit tragendem Optimismus oder schreiben wir sie ab. Aber lesen Sie bitte selbst.

Da lag er nun, konnte sich nicht mehr bewegen, einuriniert und eingekotet, stark abgenommen hatte er auch, fast nur noch Haut und Knochen. Wenn er Alkohol trank, dann richtig, mehrere Flaschen am Tag, das mit dem Essen war nicht mehr wichtig, seit Tagen oder gar seit Wochen. Vermutlich lag sein Gewicht bereits bei unter 40 Kilo. Ein Wohnheim für Männer und Montagearbeiter in einem Berliner Außenbezirk – und dort verrichtete Adolf seit Jahren die Verwaltungsarbeiten und hatte dort auch ein kleines Zimmer. Trank er nicht, war er ein sehr freundlicher, eher stiller, fleißiger und akkurater Mensch, der viel Wert auf gute Garderobe und Umgangsformen legte. Wenn er aber rückfällig wurde, knipste er sich das Licht radikal aus.

Nach rund 50 Entgiftungen wollte die Krankenkasse nicht mehr zahlen

Ich machte dort damals ein Praktikum, mein erstes in einem Bereich, in dem es auch obdachlose Menschen gab. Ich kannte ihn wenig, aber mich rührte sein Anblick, als ich ihn dort in seinem Zimmer liegen sah. Ohne Hilfe wird das nichts, das war mir bereits damals klar, und diese Hilfe konnte Adolf nur in einem Krankenhaus auf einer Entgiftungsstation erhalten. Er war dazu bereit, nur gab es ein paar Hürden. Eine davon war eine Kostenübernahme der Krankenkasse für die Dauer des Aufenthaltes und der Behandlung.

„Wir werden ihm keine weitere Kostenübernahme erteilen, wohl 50 Entgiftungen in Krankenhäusern hat er bereits gemacht, auch mehrere Therapieaufenthalte – das hat alles keinen Sinn und wird auch zu teuer,“ so seine Sachbearbeiterin am Telefon. Mensch, ich war betrübt und auch verzweifelt, Alkoholismus ist doch keine Befindlichkeit, sondern eine Krankheit, da gibt es keinen Schalter, den man einfach drückt und schwupps ist alles wieder gut. Es war doch nicht ihr Geld, das sie bewilligte. Und wir sollten behutsam sein, wenn wir fast über Leben und Sterben entscheiden.

Adolf war schwul, konnte sich lange nicht öffnen

Die Auseinandersetzung am Telefon dauerte lange. Ich konnte die Zähne der Sachbearbeiterin knirschen hören, sie willigte dann doch ein und Adolf ging in das Krankenhaus, absolvierte seine Entgiftungsmaßnahme, wurde aufgepäppelt und trat dann noch eine Therapie in Bielefeld an. Ein paar davon hatte er ja bereits gemacht, aber nie öffnete er sich richtig. Nicht gegenüber anderen, auch nicht gegenüber sich selbst.

Zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort, Vertrauen in das Hilfesystem, manchmal passieren da kleine Wunder und einzelne Mosaiksteine werden mühselig zusammengeführt und endlich entsteht ein Gesamtbild. Bei Adolf, geboren in den 1930er-Jahren, war es das Verlassen des Elternhauses. Er litt unter der Enge dort, so konnte es fast als Flucht bezeichnen. Der Neustart in West-Berlin, mit allen Clubs und Szenen. Die Jahre, die er allein lebte, das haute nicht hin mit Partnerinnen und immer ahnte er, ich bin anders. Die Wahrheit liegt ja meist auf unserer Nasenspitze. So nah, da sehen wir sie nicht. Die Erkenntnis traf ihn hart: Ich bin homosexuell! So anders wollte er aber gar nicht sein. Und zunächst fegte ihm das auch die Füße weg.

Manchmal muss man sich an Wahrheiten gewöhnen, herantasten. Es hat dann aber auch oft etwas sehr Befreiendes, sich von Lebenslügen zu verabschieden.

Und plötzlich: Cola statt Wein, Reisen nach Amerika

Schneller Sex auf öffentlichen Toiletten, das war nicht seins, ein Szenetyp war er auch nicht, schaute er Männern hinterher, waren die oft deutlich jünger als er, da war er zu moralisch und zu konservativ, das wollte und konnte er dann auch nicht leben. Er trank nicht mehr, das hatte er auch nicht mehr nötig, arbeitete noch viele Jahre ohne einen Fehltag und er hatte viele Freunde, war vielen guter Freund, war gerne für andere da. Er traf sich nun mit Menschen, Theater, Ausstellungen, gute Restaurantbesuche, nur eben mit Cola statt Wein. Als Rentner machte er Urlaub in Amerika, investierte gerne mal in einen hübschen Anzug.

Einen Partner aber fand er nie, obwohl er der Sehnsucht hinterherhing. Wohl jeden Tag. Trockenschwimmen – leider ein ganzes Leben lang.