Nachtgestalten

Ein fremder Planet in einer unwirklichen Zeit

Dieter Puhl schreibt in dieser Woche über seinen Besuch im Krankenhaus - und hat einen Rat für Vorsorge-Muffel.

Dieter Puhl schreibt jeden Sonnabend für die Berliner Morgenpost.

Dieter Puhl schreibt jeden Sonnabend für die Berliner Morgenpost.

Foto: jörg Krauthöfer /Funke MedienGruppe

Berlin. Ich gehöre zu der Sorte Mensch, die Ärzte wertschätzen, aber auf zehn Meter Entfernung. Will heißen, ich versuche, ihnen aus dem Weg zu gehen, so gut es geht. Ich bin jetzt 62 Jahre alt und gesundheitlich bislang recht unbeschadet durchs Leben gegangen. Ganz naiv bin ich nicht, das mit dem Rauchen ist ein hohes Risiko, Sport ist nicht meins, Stress über Jahre dagegen ist mir nicht ganz fremd und ich futtere verdammt gerne, üppig, nicht immer Schonkost. Das ist dann schon mit einigen Risiken behaftet. Und obwohl ich das Leben liebe und an ihm hänge, Vorsorgeuntersuchungen sind etwas für andere. Mir wird schon nichts passieren.

Seit zehn Wochen war dann nicht mehr alles okay und, wie gesagt, ich kann wunderbar verdrängen. Statt sofort zum Arzt zu gehen, schob ich es auf, bis es eben – rien ne va plus. Als ich endlich zum Hausarzt ging, überreichte er mir einen kleinen Stapel Überweisungen.

Haben Sie den letzten Jahren in Berlin schnell einen Facharzt benötigt? Langwieriges Unterfangen. Das dauert einfach. Und so trommelten, schubsten und drängten Freunde und meine Familie. Am Montag machte ich mich schließlich auf zum St. Joseph Krankenhaus. Die Notaufnahme war sofort begeistert von mir, man behielt mich einfach da. Ich dagegen war wenig begeistert.

Mir ist klar, dass ich eines Tages sterbe - aber doch bitte erst in etlichen Jahren

Wird man sofort aufgenommen, und hier beginnt mein Dank, beruhigt das zwar, wenn Sie sich in guten Händen wissen. Es macht Sie aber gleichzeitig auch unsicher, wenn dann die große Party an Diagnostik beginnt. Man nahm sich außergewöhnlich viel Zeit für mich, war freundlich, informierte, ging auch sensibel auf mich ein. So um die zwei bis drei Tage hatte ich Angst, das könnte kein gutes Ende nehmen, ich befürchtete einfach, an Krebs erkrankt zu sein.

Mir ist ja klar, ich werde eines Tages sterben, aber doch bitte erst in etlichen Jahren und nicht in absehbarer Zeit, gar schnell. Noch etwas länger lieben, einiges erleben, vieles erfahren, ab und an etwas bewirken, sich entschuldigen, auch vernünftig verabschieden können, schenken und beschenkt werden und noch ganz viele Wünsche und Träume – hey, bitte noch nicht jetzt. Lieber Gott, gib mir einfach noch Zeit, 62 ist doch kein Alter! Gebete um 6.30 Uhr morgens auf der Parkbank vor der Klinik.

Auf der Station 17 und den anderen Fachabteilungen im St. Joseph Krankenhaus arbeiten aber die Guten, die Professionellen, die Liebevollen, die Sensiblen, die Zeitspender, die Ausgeglichenen, die Tröster und Trösterinnen. Das Krankenhaus ist ein konfessionelles Haus. „Die Menschen froh machen“ war der Leitsatz der heiligen Elisabeth von Thüringen, Gründerin des Ordens, das steht auch jetzt noch im Eingangsbereich. Welch ein hoher Anspruch!

Niemand war abgestumpft, alle voller Verständnis

Mir geht der Satz nicht mehr aus dem Kopf, aus der Seele, das ist doch kaum einzuhalten. Und eben doch, ich spürte viel von diesem Spirit. Im gesamten Haus. Das waren auch die Menschen, die mein Bett zur Untersuchung schoben. Das war die freundliche Verkäuferin im Kiosk, die freundliche Frau, die meine Essenswünsche aufnahm, die ruhige Frau, die die Sauberkeit organisierte. Das waren die jungen Kräfte und die erfahrenen, die den Beruf schon über Jahre ausüben – niemand war abgestumpft, alles und alle waren prima eingespielt, oft hörte ich Lachen, zugewandt und verständnisvoll waren alle.

Und anderen ging es ja schlechter als mir, sie waren wirklich dem Tod nahe. Gut, wenn sie sich in schweren Zeiten auf solch einer Station wiederfinden, einem Hoffnungsort. Mit Respekt vor den Menschen, ihren Geschichten und eben nicht nur ihrer Krankenakte. Mir half das, mir machte das Mut. Bedanken möchte ich mich bei allen, einen Menschen hebe ich jetzt aber etwas hervor: Meine Ärztin nahm sich echt viel Zeit für mich. Jeden Tag. Und ich kenne das aus meinem Job, Zeit fehlt eigentlich immer oder zumindest häufig. Merci! Hat alles erheblich leichter gemacht. Montag rein und am Freitag, Gott sei Dank heraus, eigentlich kurz, trotzdem weht das nach. Sie verzeihen das: Ich möchte sie alle in diesem wunderbaren Krankenhaus aber bitte nicht so schnell wiedersehen.

Nun am Ende aber zu Ihnen, geschätzte Leserinnen und Leser: Hören Sie auf mit dem Herumgeeiere, den Ausreden, dem Verdrängen! Sie pokern auf hohem Niveau. Das sagt einer, der weiß, wovon er spricht. Machen Sie es eben bitte nicht wie ich, kommen Sie endlich aus dem Knick und melden sich zur Vorsorge an, davon gibt es ja einige. Nehmen Sie sich die Zeit, wertschätzen Sie sich selbst. Denn das Leben ist doch unendlich schön und wunderbar. Und bei allen Untersuchungen wünsche ich Ihnen alles erdenklich Gute!

Dieter Puhl arbeitet seit 27 Jahren in der Wohnungslosenhilfe der Berliner Stadtmission, seit 2019 führt er die Stabsstelle für christliche und gesellschaftliche Verantwortung. Er schreibt jeden Sonnabend an dieser Stelle.