Kolumne „Nachtgestalten“

Was Alkohol alles mit einem Menschen anstellen kann

Unser Kolumnist, Dieter Puhl, traf nach Jahren einen Bekannten am Bahnhof Zoo und erkannte ihn kaum wieder.

Dieter Puhl schreibt jede Woche in der Berliner Morgenpost.

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Foto: jörg Krauthöfer /Funke MedienGruppe

Es war vor einigen Jahren. Der Arbeitstag in der Bahnhofsmission am Zoo war lang gewesen, voller Abwechslungen und hatte es in sich. 15 Stunden, abends eine tolle Feier mit den Rotariern, sie sind im Laufe der Jahre zu echten Freunden unserer Arbeit geworden. Viel Respekt, viele Unterstützungen. Zusätzliches wurde so ermöglicht.

Ich war durch, müde, mein Sofa lockte, auf dem Heimweg. Und plötzlich, in der Bahnhofshalle, sah ich Franz*. Aus den Augenwinkeln heraus, er sah mies und fertig aus. Unendlich gealtert seit unserer letzten Begegnung, mehr tot als lebendig. Schnell wandte ich den Blick ab und ging weiter. Bitte nicht Franz!

Es ist wohl etwa 18 Jahre her, ich arbeitete damals im Wohnprojekt Chamissoplatz der Berliner Stadtmission. Betreutes Wohnen für obdachlose Menschen. Goldene Zeiten für einen Sozialarbeiter, das schönste Kreuzberg, gute Projektwohnungen, eine tolle Kollegin, therapeutische Hilfen – und Zeit für die Klienten.

Bis zu drei Jahre, da konnte etwas gewuppt werden, auch schwere Alkoholiker hatten eine Chance. Heute soll man das in neun Monaten schaffen. Das ist nicht möglich und deshalb nimmt kaum noch jemand diese Menschen auf. Auch deshalb werden die „Murmler“ und die richtig Kaputten auch immer mehr auf unseren Straßen.

Zu einigen Klienten hat man eine besondere Beziehung

An Franz erinnere ich mich gut, sehr gut. Das ist gegenüber anderen nicht fair, aber zu einigen Klienten hat man eine besondere Beziehung, sogar mehr Ehrgeiz als bei anderen. Gelernter Schlachter, um die 50 Jahre alt, stammte ursprünglich von der Küste. Abstieg über Alkohol, Scheidung, Arbeitslosigkeit. Aus dem Abstieg wurde schließlich der freie Fall und, genau konnte er auch nicht mehr sagen, warum, es verschlug ihn nach Berlin. Das tut es bei vielen, ich vermute, weil man sich hier so schön zu Tode trinken kann. Und Freunde, Verwandte und ehemalige Arbeitskollegen nicht dabei zuschauen.

Viel Cha-Cha, viel Blues, eine Menge Trouble, mit seiner Betreuung ging es auf und ab. Viel Kampf und Ringen, rein in die Entgiftung, raus und nach drei Stunden wieder rückfällig, hin und her, mehrere Male. Dann ein Platz in einer Therapieeinrichtung im Sauerland. Dort kam er nicht an. Zunächst. Zwei Tage später fand man ihn betrunken in der Nähe, schlafend und im Grünen. Er lag da einfach komatös auf einer Parkbank. Viel Vermittlungsarbeit war nötig, die Klinik hatte eigentlich keine Lust mehr auf ihn. Die Entwöhnungsbehandlung machte er dann doch. Und er war stolz wie Bolle bei seinen Erprobungsurlauben.

Er hatte ständig den Schalk im Nacken

Ich erinnere mich auch, er hatte einen hübschen, trockenen Humor, ständig den Schalk im Nacken, strahlende Augen. Nicht groß gewachsen, eher ein kleiner Panzerknacker. Kräftig. Skat spielte er gut, etwas schlechter als ich, das war aber schon gut.

Alles ergab dann aber leider keinen Sinn mehr. Es dauerte zwei Jahre, in der Betreuung war kein roter Faden mehr zu erkennen, die Abstürze häuften sich. Er mochte nicht mehr an sich glauben, ich leider auch nicht mehr. Eine Kündigung, ein Abbruch, eine Trennung ist nie leicht, und sie ist umso schwerer, wenn man einen Menschen so mochte und mag. Kein Land in Sicht, keine Hoffnung, Pulver verschossen und Jesus hatte auch nicht geholfen.

Ein Mensch löst sich auf, so sah es aus

In den Jahren danach sah ich ihn sehr selten – und nun an jenem Abend am Bahnhof Zoo. Es war ein Quantensprung des Verfalls. Ein Mensch löst sich auf, so sah es aus. Ich ging zurück, sprach ihn an. Und realisierte, er lebt noch! Gegen jede Statistik und Lebenserwartung. Er sah aber nunmehr kaum noch wie Franz aus. Was kann Alkohol alles anstellen, was ein Mensch selbst? Lächelnd, leicht tänzelnd oder torkelnd, eine Flasche in der Hand: „Hey, Dieter, nur ein Feierabendbier.“ – „Ich mag dich“, dachte ich bei mir.

Viel zu reden gab es nicht, spät war es auch. „Montag um 10 Uhr in meinem Büro bei der Stadtmission?“ – „Ja.“

Schauen wir mal. Wir haben alle viele Chancen im Leben verdient. Und wenn Gott keinen Menschen aufgibt, sollten wir das auch nicht.

*Name geändert