Nachtgestalten

Vom Mut in schlimmen Zeiten

Unsere Tochter Lavinia war lebensbedrohlich erkrankt – dann tauchte nach ein paar Tagen Wildfang Sören auf.

Dieter Puhl schreibt jede Woche in der Berliner Morgenpost.

Dieter Puhl schreibt jede Woche in der Berliner Morgenpost.

Foto: jörg Krauthöfer /Funke MedienGruppe

Warum schreibt der Puhl hier so oft so traurige Geschichten?, fragen einige gelegentlich. Und so hoffe ich doch für Sie, dass es hier nicht ständig zu traurig ist. Oft möchte ich ja sogar Mut machen. Und wenn ich kann, sogar leisen Optimismus verbreiten. „Hat Ihnen mal jemand gesagt, das Leben sei leicht?,“ fragte mich mal ein Therapeut und ich erwiderte knapp „Ja“. – „Er hat gelogen.“

Die Antwort des Therapeuten geht mir noch 30 Jahre später nach. Klar ist mir aber, ist alles in Ordnung und gut in meinem Leben, sogar über längere Zeit, genieße ich das jeden Tag und bin unendlich dankbar dafür.

Ein böser Traum, der jeden Tag mehr Wirklichkeit gewann

„Ich möchte nicht sterben ohne zu wissen, wie das mit den Frauen ist“. Es war die klare Ansage eines zwölfjährigen Jungen, der wenig vom Leben wusste und noch viel wollte. Sterben wollte er nicht und tat es in den nächsten Jahren auch nicht. Doch vieles erschien damals wie ein böser Traum, der jeden Tag mehr Wirklichkeit gewann. Ein Aufwachen gab es nicht. Dafür gewöhnten sich alle jeden Tag mehr an eine Wirklichkeit, die wirklich niemand wollte.

Es fing mit ein paar blauen Flecken an, die unsere damals fünfjährige Tochter hatte. Blass war sie auch, und so gingen wir zum Kinderarzt. „Bekommst du ab und zu Kloppe von deinen Eltern?“, fragte dieser, und sie sagte lachend, etwas verwundert: „Nö“. Der Arzt nahm eine Blutprobe, am nächsten Tag um 15 Uhr hatten wir dazu einen Termin. Doch schon um elf rief die Sprechstundenhilfe an und bat uns, sofort zu kommen. Und konnte uns dann mit Tränen in den Augen nicht anschauen. Ziemlich fiese Leukämie, sofortige Einweisung in das Kinderkrankenhaus. Hilfe!

Dort angekommen, begegneten wir nach zehn Minuten dem Cousin von Lavinias Mutter, Stationsarzt dort. „Um Himmels Willen, was macht ihr denn hier?“ Schlechte Frage, wir wussten es nicht. Sehr bescheidene Zeit. Oder auch nicht!

Plötzlich tauchte Wildfang Sören auf

Und dann tauchte nach ein paar Tagen Sören auf. Wildfang. Kannte wenig Normen, hatte einen liebenswürdigen Knall, er war ein charmantes Menschenkind. Etwas ungehobelt, zwölf Jahre jung, Sonnenseiten kannte er bereits vor der Klinik wenige.

Mutti war mit ‘nem Lover bereits vor Jahren abgehauen, Papa lebte auf einem Planeten, auf dem es schon zum Frühstück Bier gab. Vermutlich war es ein erfolgreicher Tag, wenn er sich morgens richtig die Schuhe anzog. Für Sören war da wenig Aufmerksamkeit, schon gar nicht mit seiner Leukämie-Diagnose. Zumindest sah ich den Vater in den nächsten Monaten nie.

Wir lebten auf dieser Station mit vielen kranken Kindern, verzweifelten und mutigen Eltern, irren Ärzten, die vier Tage und Nächte durcharbeiteten, Schwestern und Pflegern. Der Begriff Engel wird inflationär verwandt, dort aber liefen etliche herum – mutige Kinder. Die mit den miesen Chancen überlebten oft, die mit den besseren starben. Und diese Weihnachtsfeier im Kinderkrankenhaus, ich mag da gar nicht daran denken; oder doch – sehr gerne!

Sören saß oft am Fußende von Lavinia

Sören aber war jeden Tag da. Oft saß er am Fußende von Lavinia, besser, er fläzte sich da rum, lässig, verdammt humorvoll und optimistisch. Er mochte Lavinia, beide fanden sich schon recht klasse. Und etwas Lust auf heile Welt hatte er wohl auch. Woher nahm er nur Optimismus, Lebensfreude und Lebensmut? Gar nicht so schwer, wir liebten ihn. Und teilten Etliches miteinander.

Peter, du erinnerst dich noch an die Fußballspiele mit ihm in unserer WG? Ich holte ihn dazu gelegentlich aus dem Krankenhaus ab. Fand er gut, raus aus der Klinik, Dortmund gegen wen auch immer. Zwei Bier, die Ärzte waren damit einverstanden, selbst in dem Alter „was ihm gut tut, tut ihm einfach gut.“

Und du erinnerst dich an unsere blöden Überlegungen: Suchen wir eine Prostituierte, die liebevoll und sensibel mit ihm umgeht? Denn das mit der Körperlichkeit nahm er doch recht ernst. Es blieb zum Glück bei Überlegungen. Gerne erinnere ich mich an gemeinsame und fast unbeschwerte Urlaube im Harz. Alle im Hotel waren liebevoll zu uns.

Längst hatte sie sich in Sören verknallt

Das mit Lavinia wurde gut, das mit Sören zunächst auch. Das mit seinem Vater blieb schwierig. Wie gut, dass eine meiner Mitbewohnerinnen in einer Jugend-WG arbeitete, längst hatte sie sich in Sören verknallt, dort, mit ihrer Begleitung, lebte er dann auch drei Jahre, behütet, als Wildfang, der er blieb, nicht immer ein einfacher Zeitgenosse. Oft ein Blödmann – aber stets charmant dabei.

Einige Lebensträume konnte er dort wohl aber auch verwirklichen, das waren vermutlich endlich gute Jahre. Dann kam, eigentlich für alle unerwartet, der Rückfall. Rückfälle sind selten gut. Krankenhaus, das volle Programm, nichts ging mehr. Viele hielten ihm in seinen letzten Stunden und Minuten die Hand, sein kleines Krankenhauszimmer war voll.

Ich bin nicht in allem versöhnt mit meinem Gott, vieles kann ich nicht erklären, egal, wie oft ich in der Bibel lese. Ich vertraue aber, das macht alles Sinn. Und einige Fragen dürfen doch bleiben.