Nachtgestalten

Menschen haben anderes verdient als Armut

Armutsdiskussionen sind nötig, und oft führen wir sie ja auch. Aber den sündhaften Reichtum vergessen wir oftmals dabei.

Dieter Puhl arbeitet seit 27 Jahren in der Wohnungslosenhilfe der Berliner Stadtmission. Seit 2019 führt er die Stabsstelle für christliche und gesellschaftliche Verantwortung.

Dieter Puhl arbeitet seit 27 Jahren in der Wohnungslosenhilfe der Berliner Stadtmission. Seit 2019 führt er die Stabsstelle für christliche und gesellschaftliche Verantwortung.

Berlin. Der junge Mann vor meinem Supermarkt saß da heute schon über eine Stunde, und vorbeieilende Menschen hatten ihm 60 Cent in den Becher geworfen. Oft enden Weihnachtswunder leider halt am 24. Dezember, im Januar ist von Nächstenliebe schon weniger zu spüren.

Der obdachlose Mann in der U Bahn hatte es immerhin warm und schlief. Niemand störte ihn oder beschwerte sich. Ein rollendes Schlafzimmer, viele leben in Verkehrsmitteln. Obdachlos sah ein anderer Mann, der Flaschen sammelte, eher nicht aus, wer will das aber wie beurteilen – und er fand eine Menge Flaschen in den Abfalleimern. Und ein altes, halbes Brötchen fand er auch und aß es sofort, das sah nach großem Hunger aus. Am Hauptbahnhof nicht ein einziger Bettler, vermutlich waren sie heute alle vertrieben, na ja, dann treffe ich sie nachmittags in Charlottenburg.

"Ich will mich an diese Normalität in Berlin einfach nicht gewöhnen"

Alte Damen sammeln seit Jahren Flaschen in Deutschland, der Hunger treibt sie in Suppenküchen, für Zahnersatz haben sie kein Geld, ein Paar orthopädische Schuhe sprengt ihr Monatsbudget und wenn es noch schlimmer kommt, laufen sie obdachlos und verwirrt, inkontinent und krank durch unsere Parks. Über Jahre.

Wenn es dazu doch mal eine Welle der Empörung geben würde, wenigstens für einen Tag, wenn das doch jemand als beleidigend empfinden würde . Wir aber sind abgelenkt und regen uns lieber über doofe Kinderlieder auf.

Ich will mich an diese Normalität in Berlin einfach nicht gewöhnen, das Elend der Menschen, die oft sichtbare Hilflosigkeit. Was mich traurig macht, zunehmend aber auch wütend – ich habe das Gefühl, es wird mehr.

Menschen haben anderes verdient. Armut und unzureichende Lebensverhältnisse machen an Feiertagen keine Pause, auch zwischen und nach den Festen nicht, Bettler und obdachlose Menschen haben keinen Urlaub.

Einerseits sind die Auftragsbücher gefüllt, fast alle haben Arbeit, andererseits nimmt das Heer der Erschöpften und Aussortierten aber zu.

Es ist viele Jahre her, sie war jung, fühlte sich oft allein, konnte nicht richtig mit den Menschen, war oft einsam, dabei mitten unter uns. Und sie hatte das gut vorbereitet, meldete sich bei Bekannten und Arbeitskollegen ab, drei Wochen Pause auf La Palma. Die Gefriertruhe hatte sie sich vor Monaten gekauft und die stand mitten in ihrem Zimmer. Sie sah sie jeden Tag. Schlaftabletten, ein Mix und dann stieg sie in die Truhe. Das hatten „Fachleute“ ihr als sicheren Tod verkauft. Erfrieren. Ersticken. Vergiften.

Nein, wir werden nicht jeden im Leben halten können, aber probieren wir es ausreichend? Ich habe 2019 viele Veranstaltungen zum Thema Einsamkeit besucht, und auf jeder wurde deutlich, da kann man mehr machen, dort fehlen weitere Hilfen, da ist einiges zu koordinieren. Das hätte doch alles reichen können, um die Ärmel gemeinsam hochzukrempeln, das zu gestalten, Hilfen einzusetzen. Stattdessen wurde politisch gestritten und keine Einigung erzielt. Fand ich schwach.

Es gibt Hotelsuiten, da kostet die Übernachtung 12.000 Euro

Auch etwas her, da machte ein Fotograf Bilder für eine Zeitung, neue Autos, allein das Armaturenbrett aus Porzellan kostete eine Stange Geld, waren es 270.000 Euro? Ich erinnere mich nicht mehr richtig. Danach fotografierte er über Stunden nachts die Arbeit in der bei uns in der Bahnhofsmission Zoo. Dieser Kontrast aber machte ihm zu schaffen.

Es gibt Hotelsuiten in der Berlin, da kostet die Übernachtung 12.000 Euro und sie sind ein Jahr lang reserviert – von Menschen, die aber nur zwei Monate im Jahr Berlin besuchen. Diese Kontraste machen mir zu schaffen, denn in Berlin sind diese Wirklichkeiten oft nur wenige Meter voneinander entfernt.

Höher, schneller, weiter, mächtiger oder nachhaltiger, friedfertiger, liebe- und rücksichtsvoller Armutsdiskussionen sind nötig und oft führen wir sie ja auch, sündhaften Reichtum vergessen wir oftmals dabei. Wer aber nicht für das Gemeinwohl ist, es nicht radikal fördert, der ist halt Egobacke und dagegen, an dem hat Gott vermutlich wenig oder keine Freude. Und das sollten wir dann auch zumindest so benennen.

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