Nachtgestalten

„Bullenhasser“ und Polizist: Wie aus Zwist Zuneigung wurde

In Berlin gibt es oft ein Gegeneinander statt ein Miteinander. Ein drastisches Beispiel - und eine Idee, wie man das ändern kann.

Dieter Puhl schreibt jeden Sonnabend in der Berliner Morgenpost.

Dieter Puhl schreibt jeden Sonnabend in der Berliner Morgenpost.

Foto: jörg Krauthöfer /Funke MedienGruppe

Berlin. Etliches läuft in unserer Gesellschaft aktuell aus dem Ruder, weil wir uns kaum noch miteinander auseinandersetzen. Ein Hauen und Stechen ist das oft, ein Gegeneinander, Begegnungen gibt es kaum noch. Man bleibt in seiner Peergroup oder vor dem Fernseher oder Computer, der Blick über den eigenen Tellerrand wird immer seltener. Finden aber wirkliche Begegnungen statt, im realen Leben, kann man vor Überraschungen nicht sicher sein.

Detlef S. ist schon lange Beamter der Bundespolizei, sein Revier ist nur wenige Meter von der Bahnhofsmission Zoo entfernt. Als ich dort vor elf Jahren anfing zu arbeiten, lernten wir uns sehr bald kennen, wertschätzen, arbeiteten oft und stets kooperativ zusammen und schnell entstand sogar eine Freundschaft zwischen uns.

Mehrfach im Jahr betreut Detlef junge Polizisten und Schülergruppen, und fast immer führt sein Weg mit ihnen in die Bahnhofsmission. Wir lernen voneinander, begegnen uns mit Respekt.

900 Sozialstunden - was ist da passiert?

Das ist nun ein paar Jahre her, die Gruppe der damals wohl 16-jährigen Schüler interessierte sich für den Polizeiberuf und wir tauschten uns rege aus. Da betrat Bernhard den Raum, seit wenigen Tagen absolvierte er das Programm „Arbeit statt Strafe“ bei uns, auch Sozialstunden genannt. Diese leisten oft Menschen ab, die beim Schwarzfahren erwischt wurden oder betrunken Auto gefahren sind.

Ich kannte Bernhard wenig, aber fand ihn sehr fleißig, freundlich und hilfsbereit, ein guter Typ. Deshalb bat ich ihn spontan, den Schülern von seiner Tätigkeit bei uns zu erzählen. Das machte er dann auch und alle hörten gespannt zu. Nun stellte Detlef aber die Frage nach der Anzahl der Sozialstunden und bereitwillig beantwortete Bernhard das mit: 900 Stunden.

Wer sich aber damit etwas auskennt - Detlef tut das - , der weiß, dass es bei einer Strafe von 900 Stunden nicht um eine geklaute CD im Kaufhaus geht. Verständlich neugierig wollte Detlef nun wissen, wie die hohe Stundenanzahl zusammen kam.

„Seit 30 Jahren haue ich Bullen platt“, sagt er zu dem Polizisten

Bitte stellen Sie sich das Bild vor, Detlef auf seinem Stuhl sitzend, Bernhard geht sehr langsam und entspannt auf ihn zu, bleibt dann dicht vor dem Polizisten stehen und erwidert von oben herab: „Seit 30 Jahren haue ich Bullen platt.“

Oh – da war Ruhe im Karton, man hätte eine Stecknadel fallen hören können. Detlef verzeiht mir das jetzt bitte, ihm entwich sämtliche Farbe aus dem Gesicht. Einige der Schüler verabschiedeten sich wohl von dem Berufswunsch des Polizisten.

Bernhard war als Hooligan in einer Gruppe organisiert, er war wohl ein heftiger Junge unter anderen nicht weniger heftigen und in seiner Freizeit lieferte er sich brutale und gefährliche Auseinandersetzungen mit der Polizei. Freunde waren Detlef und Bernhard von ihrem Selbstverständnis also wirklich nicht.

Das ging nun nach dem Schrecken aber weiter mit der Unterhaltung und dem Austausch und es blieb, spannend, friedlich und gut.

Wenn man sich kennt, geht man sich nicht so hart an

Abends nach Feierabend kam Bernhard kurz in mein Büro, um mir mitzuteilen, dass er Detlef ganz nett gefunden habe. „Mensch, Dieter, das war der erste Bulle in meinem Leben, der nicht meine Personalien haben wollte.“ Detlef, am nächsten Morgen, mit Abstand, bei einer Tasse Kaffee, gestand auch ein, Bernhard durchaus sympathisch gefunden zu haben. „Und unsere Freunde sind das wahrlich nicht.“

Wir sind davon überzeugt: Es fällt schwerer, sich auf die Mütze zu hauen, wenn man sich kennt, sogar mag. Begegnungsorte, Plätze, an denen Menschen sich austauschen, die sonst wenig miteinander zu tun haben oder manchmal auch sehr verquer: Wir basteln daran und direkt neben der Bahnhofsmission entsteht solch ein Ort, das Zentrum am Zoo der Berliner Stadtmission. Baubeginn war vor wenigen Wochen.

Anderes soll da auch noch passieren, psychologische Hilfen für obdachlose Menschen werden angeboten, eine „Lernwelt Obdachlosigkeit“, es soll Kultur mit und für obdachlose Menschen geben und eine Gemeinde. Denn Begegnungen unterm Kreuz sind etwas sehr Besonderes.