Nachtgestalten

Novemberblues, ein paar Teelichter und Gottvertrauen

Dieter Puhl zieht Bilanz eines ereignisreichen Jahres, eines Jahres mit Umbrüchen und Veränderungen und Abschieden.

Dieter Puhl.

Dieter Puhl.

Foto: jörg Krauthöfer /Funke MedienGruppe

Berliner des Jahres zu werden, das kam zur Jahreswende doch sehr überraschend auf mich zu, und ich habe mich echt darüber gefreut, vornehmlich für die obdachlosen Menschen dieser Stadt, auch für meinen Arbeitgeber, die Berliner Stadtmission, und meinen Arbeitsplatz, die Bahnhofsmission Zoo und alle dort Tätigen, ja, das hat ja viel mit Mannschaftssport zu tun; für mich persönlich war das aber auch eine sehr respektvolle Anerkennung.

Dann kam gleich Anfang des Jahres der berufliche Wechsel in eine neue Tätigkeit, über Monate hatte ich aber auch mit dem Abschied zu kämpfen. Zwar hatte ich den Wechsel wohl zwei Jahre im Vorfeld vorbereitet, das waren zuvor aber auch zehn sehr intensive Jahre mit tollen Gästen der Einrichtung und einem Team von vielen ehren- und hauptamtlichen Kolleginnen und Kollegen. Zehn Jahre war das ein guter Platz in meinem Leben.

Was dort jetzt noch zu tun ist, mein Nachfolger Wilhelm Nadolny, ein wunderbares Team und Jesus werden es schon richten.

Oft war ich eben auch kein guter Chef

Mit etwas wurde mir aber auch deutlich, wie anstrengend die Zeit davor war, ich spürte das körperlich, und ich merkte aber auch, um Himmels willen, ich hatte doch einiges verkehrt gemacht in all den Jahren: Manchmal fehlte die Zeit, gelegentlich die Kraft und ab und an bin ich wohl einfach auch ein Blödmann, ach Mensch – Entschuldigung dafür – oft war ich eben auch kein guter Chef.

Mein himmlischer Chef heißt Jesus, mein irdischer Joachim (Lenz), und er gab mir in den nächsten Monaten auch den Freiraum, mich zu erholen und langsam in meine neue Tätigkeit zu wachsen. Danke dafür. Natürlich war der Wechsel auch mit Unsicherheiten verbunden, neue Menschen, andere Themen, doch nur begrenzte Kompetenzen, das dauert an – vieles ist Neuland für mich.

Und plötzlich hatte ich nach Jahren wieder genügend Zeit zum Einkaufen, zum Kochen, für eine bessere Ernährung, für Familie und Freunde, für mich. Ich war in diesem Jahr wohl so oft im Kino wie in den zehn Jahren davor.

Es gibt ein Leben neben der Arbeit, und das ist schön und gut so.

Es bleiben Traurigkeiten und schöne Erinnerungen

Im April verstarb meine Mutter mit 94 Jahren, das Abschiednehmen vorher war gut, und 94 empfand ich als ein gesegnetes Alter. Und dennoch – es bleiben Traurigkeiten und schöne Erinnerungen, und sehr oft träume ich von ihr. Fühlt sich immer gut an.

Ich habe keine wirtschaftlichen Sorgen, zweimal in den Urlaub zu fahren, gelegentlich kurz an die Ostsee – ich nehme das nicht als selbstverständlich – das ist für mich Luxus pur. Und auch hier bin ich dankbar, dem Leben gegenüber und auch meinem Schöpfer, der für mich sorgt. Und ich bin gesund und fühle mich fit. Meistens.

Obdachlose Menschen, ihr Schicksal, ihre oft unerträglichen Lebens- und Sterbensbedingungen, bessere Hilfen für sie, ein gesellschaftliches Miteinander, das sie nicht ausblendet, mehr Miteinander, Liebe und Empathie, fairere Bedingungen für uns alle, politische Sorge, Trolle könnten noch mehr Einfluss gewinnen, Einsamkeit in dieser Stadt, Armut und auch Ungerechtigkeit – ich darf und ich soll mich einmischen. Und recht herzlichen Dank, etliche hören sogar zu und nehmen manchmal Bälle auf. Und sehr viele unterstützen uns in unserer Arbeit, mit Sach- und Geldspenden und Ehrenamt, und es sind in diesem Jahr sogar noch mehr geworden.

Hossa – das ist nicht selbstverständlich, hier passieren jeden Tag kleine Wunder!

Machen Sie es gut, Herr Lenz

Meinen irdischen Chef, Stadtmissionsdirektor Joachim Lenz, habe ich bereits erwähnt, er beendet seine Tätigkeit bei uns. Mich hat er vorher nicht um Erlaubnis gefragt, und das sagt einer, dem er fehlen wird, in Wertschätzung und Liebe eben auch gegenüber meinem Bruder, einem tollen Mensch. Machen Sie es gut, Herr Lenz – und danke, da waren in den letzten fünf Jahren schon etliche Hammer-Momente dabei.

Ein Jahr mit Umbrüchen und Veränderungen und Abschieden, das hätte so schon gereicht. Doch dann kam im November die Nachricht, „deine frühere Freundin ist gestorben“. Das mit ihr ist ja 20 Jahre her und das war und blieb wichtig, ich habe sie einfach sehr geliebt. Leben konnten wir damals nach Jahren nicht mehr miteinander, unsere Lebensentwürfe waren einfach zu unterschiedlich. Sternenkinder. Im Oktober erhielt sie ihre grauenhafte Diagnose, und dann ging das einfach sehr schnell, der Krebs lässt oftmals keine Zeit. Ihre Tochter tut mir leid, ihr Ehemann, ihre Familie und Freunde, ich mir auch.

Nun ist der November, ist die dunkle Jahreszeit nie meine stärkste, der Spätherbst hat schon oft etwas mit Blues zu tun, das kenne ich leider zu gut, das kennen viele, sicher auch viele von Ihnen.

Mich trägt Jesus, selbst und sogar zunehmend in finsteren Zeiten, mir ist gegenwärtig, ich bin geliebt, das geht mir auch in dunklen Momenten nicht abhanden. Im November zünde ich wieder mehr Kerzen auf meinem Balkon an, so ein kleines Teelicht ist auch ein Zeichen von Hoffnung, ist Licht und sogar Wärme. Und ich schaue in den nächsten Tagen abends mal raus, vielleicht sehe ich ja auch ihr Teelicht auf dem Balkon oder im Fenster, Ausdruck ihrer Hoffnung für andere und für sich.

„Macht es gut, Nachbarn.“