Nachtgestalten

Dank nutzt sich nicht ab, sondern glänzt immer

Wer hilft, stößt leider oft auf Unverständnis, manchmal sogar auf Gegenwehr. Zumal, wenn es um Obdachlose geht.

Dieter Puhl ist Berliner des Jahres 2018.

Dieter Puhl ist Berliner des Jahres 2018.

Foto: jörg Krauthöfer /Funke MedienGruppe

Berlin. Sie helfen obdachlosen Menschen, schenken ihnen 50 Cent oder einen Euro, regel- oder unregelmäßig, haben im Sommer eine Flasche Selters für sie dabei, gehen in die Bahnhofsmission und spenden Bekleidung oder arbeiten sogar in einer der vielen Obdachloseneinrichtungen in Berlin ehrenamtlich mit. Sie machen das, weil sie es einfach für richtig halten, weil sie helfen möchten. Viel erwarten sie dabei nicht, ausgenommen von einem Danke. Das ist so okay für sie. Und ich hoffe, diesen Dank erhalten sie dann auch auf der Straße von den betroffenen Menschen oder in den jeweiligen Einrichtungen. Dank nutzt sich aber nicht ab, glänzt immer – deshalb auch von meiner Seite: Herzlichen Dank!

Was viele aber ratlos und traurig macht: Wer Obdachlosen hilft, stößt leider oft auf Unverständnis, manchmal sogar auf Gegenwehr. Sei es in der Familie, bei Freunden oder Bekannten, auch im Arbeitsumfeld wird man kritisch hinterfragt, angezählt – und diese Gegenwehr ist gelegentlich robust.

„Die haben selber Schuld“ oder „da wirst du nur ausgenutzt“, ist oft zu hören. Das verunsichert, tut manchmal weh, besonders, wenn es von Menschen kommt, die man sehr mag.

Hartherzigkeit fühlt sich falsch an

„Was raten Sie mir, Herr Puhl, Sie sind doch der Fachmann, wie soll ich damit umgehen?“, werde ich manchmal gefragt.

Als Christen trainieren wir ja unsere Herzmuskeln, arbeiten an weiten Herzen. Und ich weiß von mir, ein weites Herz ist nicht einfach so vorhanden. Geiz, Misstrauen, Ignoranz – das ist mir nicht alles fremd, und auch ich gehe oft an den Menschen vorbei, schaue weg, blende aus. Ich trainiere es aber, wacher und aufmerksamer und hilfsbereiter zu sein. Vorbilder, Freunde und Jesus helfen mir dabei. Und oft kann ich mich nunmehr sogar auf mich selbst verlassen.

Setze ich das aber um, lebe ich es, das spüre ich schon, das fühlt sich einfach richtig an und manchmal tut es auch mir gut.

Hartherzigkeit dagegen fühlt sich falsch an. Punkt.

Er konnte nicht mehr den Mund halten

Heinz fing vor Jahren an, ehrenamtlich am Zoo zu arbeiten, und er verheimlichte es bis auf seiner Frau allen. Achtete darauf, dass ihn niemand sah, in dieser Schmuddelecke von Berlin. Er hielt das sogar ein Jahr lang durch, aber irgendwann dann wollte es auch einfach aus ihm heraus. Weniger der Umstand, wie seine Hilfe in der Bahnhofsmission aussah, was er tat. Heinz sah, was alles fehlte, und da konnte er nicht mehr seinen Mund halten und sich verschließen. Und er wurde freundlich, lauter und echt aktiv, schaltete den Turbo ein.

Wie Netzwerkarbeit aussah, wusste er als erfolgreicher Manager aus seinem Beruf. Als er dann pensioniert wurde, sammelte er bei der Verabschiedung für die Obdachlosenarbeit, mehrere tausend Euro kamen zusammen. Viele begeisterte er, auch zu helfen und zu unterstützen oder ehrenamtlich zuzupacken. Und über zehn Jahre hinweg war er konstruktiver Kritiker und wurde zum Freund, das hält an.

Bleiben Sie also bitte auch am Ball, hier an den Menschen, selbst bei Gegenwind. Ich aber wünsche Ihnen ein gutes Wochenende und guten, tragenden Rückenwind.

Dieter Puhl arbeitet seit 27 Jahren in der Wohnungslosenhilfe der Berliner Stadtmission, seit 2019 führt er die Stabsstelle für christliche und gesellschaftliche Verantwortung. Er schreibt jeden Sonnabend für die Berliner Morgenpost.