Nachtgestalten

Deutsche Butter für deutsche Obdachlose

Ungewollte Unterstützung vom rechten Rand: Obdachlosenhilfe darf nicht zur Ausgrenzung missbraucht werden, meint Dieter Puhl.

Dieter Puhl arbeitet seit 27 Jahren in der Wohnungslosenhilfe der Berliner Stadtmission, seit 2019  führt er die Stabsstelle für christliche und gesellschaftliche Verantwortung. Er schreibt jeden Sonnabend an dieser Stelle.

Dieter Puhl arbeitet seit 27 Jahren in der Wohnungslosenhilfe der Berliner Stadtmission, seit 2019 führt er die Stabsstelle für christliche und gesellschaftliche Verantwortung. Er schreibt jeden Sonnabend an dieser Stelle.

Foto: jörg Krauthöfer /Funke MedienGruppe

Berlin. Immer wieder werden obdachlose Menschen Opfer von Gewalt. Die Zahl der bundesweit angezeigten Straftaten gegen sie stieg von 602 im Jahr 2011 auf 1389 im Jahr 2017, die der angezeigten Gewalttaten dabei auf 592 im Jahr 2017. Nach Angaben der Bundesregierung wurde zwischen 2011 und 2017 in 29 Fällen wegen Mordes ermittelt. Es sollte nicht unterschlagen werden, es gibt Übergriffe, Gewalt und Morde auch untereinander, unter Obdachlosen selbst.

Auffallend dabei ist aber auch: Die weit überwiegende Zahl der Delikte ist laut Regierung dem „Phänomenbereich rechts“ zuzuordnen, so die Bundesregierung auf eine parlamentarische Anfrage der Linken. Laut der Amadeu-Antonio-Stiftung wurden seit 1990 mindestens 26 Obdachlose von Rechtsextremisten getötet. Es ist bitter, daran hatten sich Einrichtungen und Helfer gewöhnt, auch viele Obdachlose fürchteten sich davor.

Plötzlich aber wurde einiges anders: „Schlagen wir sie nicht tot, so umarmen wir sie, bis ihnen die Luft wegbleibt.“ Seit 2015 ist dieses Phänomen zu beobachten, die rechte Szene mobilisiert plötzlich Hilfen für obdachlose Menschen, gibt Suppe aus, verteilt Bekleidung. Sie gewährt diese Hilfen aber meist vornehmlich „den guten, deutschen Obdachlosen“, immer aber in der Abgrenzung zu Flüchtlingen. Bei Polen, Bulgaren, Slowenen und anderen hört die Nächstenliebe auf.

Diese ganze Abgrenzerei ist zeitraubend

Können sie verstehen, dass es nicht das ist, was wir leben und woran wir glauben? Diese ganze Abgrenzerei ist zeitraubend, nervt, da kann einem die Hutschnur platzen. Diese Zeilen schrieb ich damals mit Wut im Bauch und veröffentlichte es auf Facebook. Vorsicht, Satire!

„Werktäglich von 11–13 Uhr können Spender, Freunde und Förderer der Obdachloseneinrichtungen der Berliner Stadtmission nun gezielt Lebensmittel und andere Sachspenden in den Einrichtungen abgeben, die, wir stellen das, wenn gewünscht, sicher, ausschließlich deutschen Gästen zur Verfügung gestellt werden. Um aber gute Standards zu gewährleisten, bitten wir hier ausschließlich um deutsche Produkte, zum Beispiel deutsche Butter. Um Sie nicht zu nötigen oder zu belästigen: Während dieses Zeitraumes werden Sie ausschließlich von deutschen Mitarbeitern begrüßt.“

Oh – ich gewann viele neue Freunde! Ich arbeite seit 27 Jahren in der Wohnungslosenhilfe. Obdachlose Menschen haben einen überschaubaren gesellschaftlichen Rückhalt. Bis in die 70er-Jahre wurde in Berlin das Leben auf der Straße als Ordnungswidrigkeit mit Bußgeldern bedacht, bei Zahlungsunfähigkeit, was in der Natur der Sache lag, kam es zu Inhaftierungen. In den vergangenen zehn Jahren aber gibt es positive Entwicklungen, Einrichtungen und betroffenen Menschen wird zunehmend mehr geholfen. Der Begriff „Berber“ ist aus dem Sprachschatz fast verschwunden, „Tippelbrüder“ gibt es schon lange nicht mehr, von „Pennern“ sprechen nur noch wenige unverblümt.

Doch wenn es um Italiener, Türken, Araber geht, um Schwule und Lesben, zuletzt um osteuropäische Obdachlose, heißt es: „Wollen wir nicht – kennen wir nicht – machen uns Angst – prima Blitzableiter – ruff uff die Rübe.“ Nun sind weiter die Flüchtlinge dran.

Wir wollen Eure Hilfen, Unterstützungen, Eure Freundschaft und Anteilnahme nicht!

Liebe Leute (oder auch nicht), es gibt nur ein Problem, wir wollen Eure Hilfen, Unterstützungen, Eure Freundschaft und Anteilnahme nicht! Obdachlose Menschen in Berlin kommen aus über 80 verschiedenen Ländern, nur knapp mehr als 40 Prozent aus Deutschland. Sie sind in allen Obdachloseneinrichtungen herzlich willkommen. Die Bahnhofsmission am Zoo wird zum Beispiel zusätzlich noch von vielen verarmten Gästen aufgesucht, auch die „Wilmersdorfer Witwe” sitzt ab dem 20. jeden Monates im Gastraum, wenn ihre Rente nicht mehr reicht.

Die Ehrenamtlichen kommen übrigens auch von unserem gesamten Planeten, ein hübscher, wichtiger Schmelztiegel, Berlin tut gut. Eine Stadt für alle, in allen Einrichtungen jeden Tag so gelebt.

Vorsicht, aber bitte: Wer vorschnell urteilt, kann gelegentlich sein blaues Wunder erleben. Die Meldung „Rechtsradikaler uriniert in der S-Bahn auf Kinder“ empörte 2015 alle. Dieser unglückselige Täter aber war ein Verwirrter, krank, behandlungsbedürftig, ich kenne ihn. Aufmerksamkeit mit „Heil-Hitler-Rufen“ zu erzielen, ist leicht, zu schreien, „ich brauche Hilfe“, dagegen deutlich schwieriger. Die aber, die Hilfe benötigen, deren Seelen schreien, laut oder leise, sind bei uns herzlich willkommen.