Nachtgestalten

Als Begrüßungsgeld gab es zehn Mark Ost

Wie wir nach dem Mauerfall als junge Familie in Ost-Berlin empfangen wurden – und wem ich danken möchte. Die Kolumne von Dieter Puhl.

Dieter Puhl arbeitet seit 27 Jahren in der Wohnungslosenhilfe der Berliner Stadtmission, seit 2019  führt er die Stabsstelle für christliche und gesellschaftliche Verantwortung. Er schreibt jeden Sonnabend an dieser Stelle.

Dieter Puhl arbeitet seit 27 Jahren in der Wohnungslosenhilfe der Berliner Stadtmission, seit 2019 führt er die Stabsstelle für christliche und gesellschaftliche Verantwortung. Er schreibt jeden Sonnabend an dieser Stelle.

Foto: jörg Krauthöfer /Funke MedienGruppe

Berlin. „Wie hast du den 9. November erlebt?“, werde ich gelegentlich gefragt. Gar nicht. Ich gestehe, als junge Eltern, unsere Tochter war vier Monate jung, haben wir den Abend und die Nacht schlicht verschlafen.

Eine kleine Begebenheit möchte ich aber dennoch beitragen. Am darauffolgenden Sonntag entschlossen wir uns als Kleinfamilie sehr spontan, Freunde in Ost-Berlin zu besuchen, und der Grenzübertritt war recht einfach. Keine Formalien waren zu erfüllen, auf den Zwangsumtausch, wir hatten gar kein Geld dabei, wurde verzichtet. Die Enttäuschung war groß, unsere Freunde waren nicht da, vermutlich im Westteil der Stadt? Und was machten wir? Wir irrten etwas verloren durch die Stadt. Die leer war, echt gar kein Mensch auf dem Alexanderplatz.

Einer dann aber doch noch. „Kaufen Sie Ihrem Kind etwas Vernünftiges zu essen“, der ältere Mann war gleichermaßen resolut und freundlich und schenkte uns zehn Mark Ost. Eine faire und hübsche Geste – unser Begrüßungsgeld.

Okay – schwierig wurde es, als wir zurück wollten, man wollte uns zunächst einfach nicht rauslassen. Keine Visa, keine Bescheinigungen über den Umtausch. – „Ey, du Blödmann, du bist ein Auslaufmodell, lass die jungen Leute einfach durch.“ Wir lernten alle damals.

Zu einem besonderen Tag und an einem besonderen Tag möchte ich heute ein kurzes Gebet sprechen:

Himmlischer Vater,

die Menschen und Du, kein Schuss fiel, ihr habt das friedlich gestaltet. Guter Grund, Dir Danke zu sagen. Und dann ging das los, hielt an, hält an, ich habe danach sehr viele tolle Menschen kennengelernt, Freunde, später Mitbewohnerinnen in meiner Wohngemeinschaft, Arbeitskolleginnen und Arbeitskollegen. Sie, die Menschen, bereicherten und bereichern mein Leben und ich habe Freude an ihnen und mit ihnen. Das zählt. Hossa Jesus – diese Revolution hat sich für mich gelohnt, ich mache einen prima Schnitt. Ich durfte lernen, wie Menschen anders leben, vieles war neu, und etliches verstehe ich auch heute noch nicht. Du schenkst uns Zeit und Du schenkst uns Versöhnung untereinander, was sind schon läppische 30 Jahre in Deiner Zeitrechnung? Wenn andere Menschen von geschichtlichen Ereignissen in ihrem Leben sprechen, reden sie oft von Kriegen. Du, Gott, hast hier einen richtig guten Tag gehabt und hast Frieden geschenkt. Auch dafür – danke! Und wir werden uns Mühe geben und das nicht versauen. Versprochen. Amen.

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