Nachtgestalten

Keine gute Zeit für obdachlose Menschen

Gut, dass es die Kältehilfe gibt, findet Dieter Puhl. Aber es braucht noch viel mehr - gerade weil der Winter vor der Tür steht.

Dieter Puh, Autor der Kolumne „Nachtgestalten“.

Dieter Puh, Autor der Kolumne „Nachtgestalten“.

Foto: jörg Krauthöfer /Funke MedienGruppe

Es ist kalt geworden und feucht, und das fühlt sich nachts ungemütlich an. Ich merkte das nach 14 Tagen Urlaub auf Kreta, als ich am Mittwoch spät abends aus dem Flieger stieg. Dort verbrachte ich die Abende im T-Shirt, hier in Berlin kam sogleich der Pullover zum Einsatz. Den habe ich und eine schützende Wohnung auch. Das wird jetzt keine gute Zeit für obdachlose Menschen, der Winter steht vor der Tür.

Gut, dass es die Kältehilfe gibt. Und sie funktioniert, schützt viele Menschen vor dem Erfrieren, seit 30 Jahren, und immerhin gibt es auch seit 25 Jahren das Angebot des Kältebusses der Berliner Stadtmission. Vor einigen Jahren kam der Wärmebus des Roten Kreuzes hinzu. Die Zahl der Plätze in den Notübernachtungen wurden in den vergangenen Jahren deutlich erhöht, die Dauer der Hilfen verlängert.

„Die Hilfe für wohnungs- und obdachlose Menschen in Berlin ist eine der großen Herausforderungen für das Land Berlin“, teilt die Senatsverwaltung für Integration, Arbeit und Soziales in ihrer Einladung zur 3. Berliner Strategiekonferenz zur Wohnungslosenhilfe mit. Diese findet am kommenden Montag statt.

Die Aufmerksamkeit der Politik tut gut

Neben 350 Fachkollegen und Politikern kommt auch geballte Kompetenz aus den Bezirken. Sozialsenatorin Elke Breitenbach (Linke), Gesundheitssenatorin Dilek Kalayci (SPD) und Neuköllns Bezirksbürgermeister Martin Hikel (SPD). Die Aufmerksamkeit und das Gestalten der Politik tun gut. Das ist wichtig, ich gehe da gern hin.

Und ich teile die Einschätzung, das ist eine große Herausforderung für die Stadt, für unser Miteinander, für unsere Zukunft. Jeder gegen jeden oder alle in gutem Einvernehmen miteinander? Hier entscheiden wir, wie wir zukünftig einvernehmlich miteinander leben wollen.

Housing First, eine Clearingstelle, Krankenbetten und mehr, endlich eine Zählung der Betroffenen im Januar 2020, neben den bisherigen Angeboten der Kältehilfe wurden zusätzliche Hilfen entwickelt. Sie sind nötig und helfen.

Trotz aller Bemühungen: Die Verelendung schreitet fort

Tausende werden im Winter aber wieder im Freien nächtigen, einige werden vermutlich leider sterben, andere Opfer von Gewalt, auch tagsüber sind die Menschen ohne Schutz. Vielleicht nimmt die Gesamtzahl ja sogar zu, das wissen wir dann nach der zweiten Zählung, wenn Vergleichszahlen vorliegen. Einzelnen wird besser geholfen, manchmal sind es auch mehr. Die Gesamtzahl der Betroffenen verelendet aber zunehmend mehr. Man sieht und spürt das auch in Berlin und immer öfter auch in den Außenbezirken.

Ich freue mich, wenn ein Mensch über Housing First eine Wohnung erhält, ins Leben zurückfindet. Und ich freue mich auch, wenn das nun 30 Menschen sind, zwölf Monate später ja vielleicht 60. Was ist aber mit den 6000 bis 10.000 anderen? Wo sind die neuen, großen, ganzjährigen Versorgungseinrichtungen? Werden die Hilfen in Betreuungsformen verbessert? Wo sind die neuen Wohnungen für 37.000 untergebrachte Menschen?

Darf bei großen Herausforderungen gelegentlich auch geklotzt werden?

Dieter Puhl arbeitet seit 27 Jahren in der Wohnungslosenhilfe der Berliner Stadtmission, seit 2019 führt er die Stabsstelle für christliche und gesellschaftliche Verantwortung.

Mehr Kolumnen von Dieter Puhl:

Auch aus Heimkindern werden Leute

Der weise König und das Kind

Der Tag, an dem mein Vater starb