Nachtgestalten

Auch aus Heimkindern werden Leute

Einen Jugendlichen, den Dieter Puhl in der Ausbildung betreut hat, traf er neulich zufällig wieder. Er hat sich durchgeboxt.

Dieter Puhl arbeitet seit 27 Jahren in der Wohnungslosenhilfe der Berliner Stadtmission, seit 2019  führt er die Stabsstelle für christliche und gesellschaftliche Verantwortung.

Dieter Puhl arbeitet seit 27 Jahren in der Wohnungslosenhilfe der Berliner Stadtmission, seit 2019 führt er die Stabsstelle für christliche und gesellschaftliche Verantwortung.

Foto: jörg Krauthöfer /Funke MedienGruppe

Kinder und Jugendliche haben Sehnsucht nach Geborgenheit, Liebe, Kontinuität, und viele erfahren das ja auch. Aber nicht bei allen sind die Startbedingungen gut, und oft merkt man das dann im späteren Leben.

Viele meldeten sich selbst, bei den Jugendämtern oder auch direkt in der Einrichtung. Etliche hielten es einfach nicht mehr im Elternhaus aus, die Gründe waren vielfältig, die Eltern tranken viel, es gab Schläge, niemand kümmerte sich, Missbrauch, fehlende Liebe, Mutti oder Papa hatten schwere Depressionen.

Und manchmal gab es einen bösen „Generationenvertrag“. Schon die Eltern waren hier in dem Kinderheim in Wilmersdorf betreut worden, wo ich meine Ausbildung machte. „Wir werden auch noch die Enkelkinder betreuen“, sagte der damalige Heimleiter traurig, wenn er manchmal kraftlos war.

„Heim für schwer erziehbare Jugendliche“ - dabei waren oft die Eltern schuld

Er war zwölf Jahre und das Küken, und die anderen waren 15 und 16, 18 oder 22. Ich selbst war 19 und während meiner Ausbildung zum Erzieher Helfer. Als Küken sollte man verwöhnt werden, wurde er auch, manchmal, zu selten, und die Zeiten waren andere, 1977 im Westen dieser Stadt.

„Heim für schwer erziehbare Jugendliche“, oh Gott, hoffentlich haut sich heute niemand mehr solch ein Etikett an die Tür! Denn oft war das doch eher eine Einrichtung für die Kinder gescheiterter Eltern.

Viele gaben sich da Mühe, über Jahre, versuchten, den jungen Menschen liebevoll Halt zu geben, schauten nicht auf die Uhr, wenn es nötig war, blieben kraftvoll, auch noch nach 15 Jahren im Schichtdienst.

Was wird aus einem jungen Menschen? Können Sie sich vorstellen, wie riesig meine Angst ist, einen der Jugendlichen, die ich damals betreute, Jahre später in einer Einrichtung der Obdachlosenhilfe wiederzutreffen, in der Schlange der Menschen vor der Bahnhofsmission? Bislang ist mir, Gott sei Dank, solch eine Begegnung aber erspart geblieben. Vielleicht haben es die Kids ja aber auch gepackt?

Thomas ist groß und hübsch geworden - und Finanzbeamter

Zu einigen der Jugendlichen halte ich Kontakt und kann das beantworten. Thomas war dann aber nach seiner Entlassung mit 18 einfach weg, hatte den Kontakt rigoros abgebrochen, niemand wusste, was aus ihm geworden ist.

Groß und breit ist er geworden, auch richtig hübsch, ein gestandener Mann ist er, Finanzbeamter. Das macht ihm Freude, gut geht es ihm, wichtig – zufrieden ist er. Und er hat eine Familie. Hat sich durchgeboxt: „Mehr ging einfach nicht, bei den Startbedingungen damals.“ Und manchmal ist er nicht nur zufrieden, sondern sogar richtig glücklich.

Und wir umarmten uns, als wir uns letztens zufällig am Ostbahnhof trafen.