Nachtgestalten

Der Tag, an dem mein Vater starb

Ein vorgezogenes Wort zum Sonntag von Dieter Puhl – über den Abschied, Regenbogen und auch gleich noch die Musik dazu.

Dieter Puhl arbeitet seit 27 Jahren in der Wohnungslosenhilfe der Berliner Stadtmission, seit 2019  führt er die Stabsstelle für christliche und gesellschaftliche Verantwortung. Er schreibt jeden Sonnabend an dieser Stelle.

Dieter Puhl arbeitet seit 27 Jahren in der Wohnungslosenhilfe der Berliner Stadtmission, seit 2019 führt er die Stabsstelle für christliche und gesellschaftliche Verantwortung. Er schreibt jeden Sonnabend an dieser Stelle.

Foto: jörg Krauthöfer /Funke MedienGruppe

Berlin.  „Jesus ist ein guter Chef“, viele glauben und leben das so in der Berliner Stadtmission. Er entlastet, hilft, nimmt Druck von den Schultern, macht Mut, tröstet. Wir dürfen Feierabend machen, er bleibt, trägt Verantwortung. Ist ein guter Gastgeber und ist auch noch nie vom Kreuz gefallen und hat jemanden mit seiner Botschaft erschlagen.

Er ist aber mehr als ein guter Chef.

Manche Sätze sitzen tief, bleiben hängen. „Da zieht man seinen Sohn groß und wenn man stirbt und ihn braucht, ist er nicht da,“ waren wohl die letzten Worte meines Großvaters, bevor er starb. Mein Vater kam damals bei seinem Sterben einen Tag zu spät. Schlimm für ihn, sein Leben lang – aber auch ein hartes Erbe für mich.

Mein Vater selbst war nun alt und uns allen war klar, er würde bald sterben, der Krebs war nicht aufzuhalten. Unser Verhältnis war gut, oft sehr gut, aber da war immer Luft nach oben, wir rangen über Jahre danach.

Meine Eltern lebten in Norddeutschland, das Sterben meines Vaters dauerte über Monate, meine Mutter pflegte ihn bei uns zu Hause.

Unsere letzten Spaziergänge hatten es in sich, dichtes Abschiednehmen, Wunden heilen, Versöhnen, Unausgesprochenes wurde gesagt, was manchmal ja gar nicht so leicht ist, „ich liebe dich.“

Aber immer hatte ich Angst, ich könnte bei seinem Sterben nicht dabei sein.

„Ich brauche deine Hilfe, ich schaffe das in den letzten Tagen nicht mehr.“ Der Anruf meiner Mutter war deutlich und vier Stunden später war ich im Norden. Die letzten drei Tage und Nächte am Bett meines Vaters, vielleicht verwundert das, waren schön: Gespräche, Weinen, ein letztes, gemeinsames „Vater unser“, ein Abschiedslied „So nimm denn meine Hände“, ich bekam, unwichtig, den Text nicht hin.

Mein letzter, sehr persönlicher Abschied, kurz nach dem Tod meines Vaters: Ich durfte ihn rasieren. Dann kamen meine Schwester und meine Mutter, um meinen Vater zu waschen und ihm seinen Anzug anzuziehen. Das alles war mir etwas zu hektisch, ich wollte wohl auch etwas meine Ruhe.

Vor der Tür stand mein Auto, ich setzte mich hinein, öffnete das Verdeck und sah über mir einen Regenbogen. Fett. Fast zu viel. Ich machte dann das Radio an, es lief Herman Brood mit „Heavens Door“, legte den Rückwärtsgang ein und fuhr glücklich, weinend vom Hof.

Nicht nur ein guter Chef, auch Freund und Begleiter.

Ich wünsche Ihnen einen guten Sonntag – und hören Sie das Lied bitte schön laut.