Nachtgestalten

Eine neue Liebe ist wie ein neues Leben

Wenn der Ehepartner stirbt, droht oft die Einsamkeit. Das Beispiel meiner Mutter zeigt, dass auch im Alter neues Glück möglich ist.

Dieter Puhl arbeitet seit 27 Jahren in der Wohnungslosenhilfe der Berliner Stadtmission, seit 2019  führt er die Stabsstelle für christliche und gesellschaftliche Verantwortung. Er schreibt jeden Sonnabend die Kolumne "Nachtgestalten".

Dieter Puhl arbeitet seit 27 Jahren in der Wohnungslosenhilfe der Berliner Stadtmission, seit 2019 führt er die Stabsstelle für christliche und gesellschaftliche Verantwortung. Er schreibt jeden Sonnabend die Kolumne "Nachtgestalten".

Foto: Foto: jörg Krauthöfer

Berlin. Andreas, ein guter Freund von mir, erzählte mir in den letzten Jahren oft von seinen Eltern: der langen und schweren Erkrankung seiner Mutter, ihrem Tod vor drei Jahren und der aufopferungsvollen Pflege seines Vaters Richard während der zehn Jahre dauernden Krankheit. Nicht ganz einfach, zu Hause in der eigenen Wohnung, und gelegentlich fehlte auch die nötige Kraft, aber alles in allem war die Familie glücklich damit. 77 Jahre alt war der Vater beim Tod seiner Ehefrau. Er kam danach zwar zurecht, war aber sehr zurückgezogen. Angeschlagen.

Jetzt erzählte mir Andreas, dass sein Vater, der mittlerweile 80 Jahre alt ist, eine neue Lebensgefährtin gefunden hat, nachdem Freunde von ihm da etwas nachgeholfen hatten. Sein Papa habe nun neuen Auftrieb und Lebensmut. Und, als kleine Satire am Rande, jetzt auch Ärger mit seiner Kfz-Versicherung, weil die geschätzten 6000 Jahreskilometer für seinen Pkw nicht mehr ausreichen. Denn das Paar genießt das neue Leben und ist viel gemeinsam unterwegs. Aber was will man mehr: Dem Papa geht es gut, den Sohn freut es.

Sein Tod war schon absehbar

Meine Eltern waren 50 Jahre lang miteinander verheiratet, das waren überwiegend gute Jahre, oft sogar sehr gute, die gemeinsame Feier der Goldenen Hochzeit war ihnen wichtig; mein Vater war zuvor schwer am Krebs erkrankt, erlebte diesen Feiertag aber noch, und es war berührend. Über viele Jahre hatte er für einen hübschen Ring gespart, den er meiner Mutter an diesem Tag schenkte. Und leider war es abzusehen, dass mein Vater nur wenige Tage darauf verstarb.

Oft hatten meine Schwester und ich uns in den Jahren zuvor besorgt darüber ausgetauscht, wie das denn sein würde, wenn ein Elternteil stirbt. Wie käme der andere damit klar? Meine Mutter überraschte uns dann aber, denn nach dem Tod ihres Mannes traf sie sich nun regelmäßig mit Nachbarinnen, zum Plaudern, zum Austausch – eine schöne Kaffeetafel, teilten all diese Frauen doch das gleiche Schicksal, dass ihre Ehemänner vor ihnen gestorben waren. Doch von Depressionen zeigten sie keine Spur, eher so eine Art respektvolles, gemeinsames Gedenken.

Ich vergaß zu erwähnen, dass meine Mutter auf dem Dorf lebte. Und dort sind die Traditionen und das Einhalten von sozialen Regeln vielleicht noch etwas wichtiger als in einer Großstadt wie Berlin. Doch egal, denn es verging auf den Tag genau das Trauerjahr, und es klingelte an der Tür meiner Mutter. Davor stand Willi, er war da 81, und er war seit mehr als 40 Jahren gut mit meiner Mutter bekannt. Gelegentlich hatte er bei Feuerwehrbällen meine Mutter zum Tanz aufgefordert, mein Vater war darüber eher nicht „amused“, und Willi machte es maulfaul. Kurz, auf dem Dorf redet man eben nicht viel.

Er fiel mit der Tür ins Haus

„Ich bin seit 40 Jahren in dich verliebt, Gretel“, fiel Willi an diesem Tag aber gleich mit der Tür ins Haus. Meine Mutter hatte vermutlich Angst um diese und erwiderte ebenso recht knapp: „ Na, dann komm mal rein Willi.“ Auch Willi war lange verheiratet gewesen, auch seine Frau war gestorben, und auch er fühlte sich einsam. Und das mit mit der Liebe zu meiner Mutter seit 40 Jahren war einfach so.

Ich mochte Willi nicht, aber mir war natürlich klar, dass es nicht um mich ging. Und so freute ich mich über die Postkarten, die ich in den nächsten Jahren erhielt. Nie hatten meine Eltern Urlaub gemacht, die Kinder, das Haus, die Tiere, der Garten, die Arbeit – all das nahm ihre Zeit in Anspruch. Und nun plötzlich: „Bin für drei Tage mit Willi in Prag“ oder „Beste Grüße aus dem Schwarzwald“. Ich fand das berührend. Schon halb blind, musste Willi meiner Mutter den Garten umgraben und half ihr an anderen Stellen im Haushalt, meine Mutter revanchierte sich mit leckeren Mittagessen. Beide lebten einfach zufrieden miteinander, erlebten ihr zweites Glück und dachten dennoch viel an ihre verstorbenen Partner.

Möchten sie das literarisch gehaltvoller? Fermina Daza und Florentino Ariza, ganze 51 Jahre, neun Monate und vier Tage benötigten beide, um nach dem ersten Eingeständnis ihrer Liebe zueinander zu finden in „Die Liebe in den Zeiten der Cholera“. Alle paar Jahre nehme ich den Roman des kolumbianischen Literaturnobelpreisträgers Gabriel García Márquez zur Hand. Er tut mir immer gut. Auf einem Dampfer finden beide im Alter zueinander. Florentino lässt die gelbe Choleraflagge hissen, was ihnen die Hafeneinfahrten unmöglich macht. Und so fahren sie gemeinsam den Rio Magdalena rauf und runter. „Das ganze Leben.“

Haben Sie auch eine rührende Geschichte über das Alter, die Einsamkeit und das Glück einer späten Liebe? Wir freuen uns über Ihre Zuschriften unter E-Mail: aktionen@morgenpost.de oder per Post: Berliner Morgenpost, Stichwort „Liebe im Alter“, Kurfürstendamm 21, 10719 Berlin. Die schönsten Beiträge werden veröffentlicht.