Kolumne Nachtgestalten

Wie obdachlose Frauen sexuell ausgebeutet werden

Etwa 3000 Frauen leben auf der Straße. Warum man sie oft nicht sieht – und weshalb es immer noch zu wenige Hilfsangebote für sie gibt.

Dieter Puhl arbeitet seit 27 Jahren in der Wohnungslosenhilfe der Berliner Stadtmission, seit 2019  führt er die Stabsstelle für christliche und gesellschaftliche Verantwortung. Er schreibt jeden Sonnabend an dieser Stelle.

Dieter Puhl arbeitet seit 27 Jahren in der Wohnungslosenhilfe der Berliner Stadtmission, seit 2019 führt er die Stabsstelle für christliche und gesellschaftliche Verantwortung. Er schreibt jeden Sonnabend an dieser Stelle.

Foto: dpa/Jörg Krauthöfer/BM Montage

Ich möchte es einmal konkreter benennen, denn „verdeckte Prostitution“ erscheint mir als Begriff im Zusammenhang mit obdachlosen Frauen zu weichgespült. „Biete einer obdachlosen Frau freie Logis und Unterkunft und erwarte dafür Hilfen im Haushalt und bei allen Dingen, die im Leben Spaß machen“ – Vor Jahren hing dieses Schild, versehen mit Telefonnummer, an unserem Schaukasten vor der Bahnhofsmission Zoo; selbstredend entfernten wir es sofort.

Obdachlose Frauen kommen bei Männern unter, suchen Zuflucht von den Härten auf der Straße, ihre Not zwingt sie dazu. Die Definition von „allen Dingen, die im Leben Spaß machen“, ist dann leider eine recht einseitige Sicht und viele kommen vom Regen in die Traufe. Manchmal erscheint das Leben auf der Straße sanfter.

Etwa 30 Prozent der Obdachlosen sind Frauen. Und je nach Schätzung ist zu vermuten, dass zwischen 1800 und 3000 Frauen in der Bundeshauptstadt auf der Straße leben – oder eben auch nicht, weil sie Unterkunft bei Männern gefunden haben. Das hört sich zunächst sachlich an, die Wirklichkeit ist aber gruselig.

Was sind das nur für Typen, die die Notlage von Frauen so ausnutzen, welches Bild haben sie von Partnerschaft und Zusammenleben? Ehen werden da selten geschlossen. Partnerschaftliche Begegnungen auf Augenhöhe gibt es selten bis gar nicht, es geht um Macht und Ohnmacht – und klare Abhängigkeitsverhältnisse. Entschuldigung, sicherlich nur schwer zu verkraften für manch einen Leser: Einige Männer reden von „Frischfleisch“ und das gibt es kostengünstiger auf der Straße als im Bordell. Es geht also um Sex, Nötigung, Vergewaltigungen, Missbrauch, das Ausleben von Fantasien, es geht um Hilflosigkeit und, perfide in diesem Zusammenhang, es geht um dankbare Opfer. Denn Dank wird zusätzlich erwartet. Prostituierte übrigens sind oft wohl selbstbewusst und auch in der Lage, sich zu wehren. Und exklusiv sind sie nur für eine Stunde.

Tinas Schicksal - schwanger und obdachlos

Tina war 22, da lernte ich sie kennen. Schlechte Familienverhältnisse, Heim, Pflegefamilien, wechselnde Bezugspersonen, wenig Kontinuität im Leben. Auf der Straße leben wollte sie nicht, auch dort ist es ja für Frauen unerträglich. Ihre Naivität hatte vermutlich etwas mit einer Lernbehinderung zu tun, natürlich förderte sie niemand, natürlich hatte niemand Zeit und natürlich hätte vieles anders kommen können und ein anderes Leben wäre wohl auch sicher möglich gewesen. Aber die Realität sah anders aus.

Ihre Sehnsucht nach Geborgenheit, Liebe, Anerkennung sprang jeden an. Stets war sie auf der Suche nach dem Daddy, leider fand sie immer anderes, väterlich war das nicht, eher bitter – und sie wurde schwanger. Und wurde entledigt. Schwanger und obdachlos auf der Straße, das war dann noch härter, das ist hier aber keine Märchenstunde, auch dafür gibt es männliche Spezialisten, die menschliche Seele kennt viele Abgründe. Wenn man dann Mutter wird, muss dafür gesorgt werden, dass das Kind in ordentliche Verhältnisse kommt.

Schlechte Familienverhältnisse, Heim, Pflegefamilien – die Bahnhofsmission ist gerüstet, in 20 Jahren werden vielleicht die Kinder von Tina vor der Tür stehen und um Hilfe bitten. Denn es gibt zwar gute Heime, liebevolle Pflegefamilien und Adoptiveltern, Mutter-Kind-Einrichtungen oder beschützte Wohnformen für obdachlose Frauen. Nur leider gibt es von allem deutlich zu wenig.