„Meine Woche“

Jahrestag zum Weltkriegsende: Ein stilles Gedenken

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Foto: dpa/FFS/Montage BM

In Berlin wird heute an das Ende des Zweiten Weltkriegs vor 77 Jahren erinnert, schreibt Christine Richter in ihrer Kolumne.

„Nie wieder Krieg“ – so haben wir es, so haben es die Politiker aller Parteien und die Staatsmänner und - frauen immer erklärt, wenn am 8. Mai der Kapitulation der deutschen Wehrmacht und damit der Kapitulation Nazideutschlands gedacht wurde. Am 8. Mai 1945 wurde der Zweite Weltkrieg endlich beendet, nach grausamen fast sechs Kriegsjahren mit Millionen Toten, nach dem Holocaust, bei dem die Nationalsozialisten die Juden ausrotten wollten. „Nie wieder Krieg“, sagten wir – und legten auch Kränze an den sowjetischen Ehrenmalen in Berlin, an den Panzern im Tiergarten oder an der Gedenkstätte im Treptower Park nieder. Die Alliierten hatten Hitler und seine Schergen gemeinsam besiegt, aber ohne den Einsatz der sowjetischen Soldaten, der Soldaten aus der Ukraine oder aus Weißrussland, die 1945 als eine der ersten die damalige Reichshauptstadt Berlin erreichten, wären die Nazis nicht geschlagen worden.

Der 8. Mai ist für uns Berliner ein wichtiges Datum. Es ist ein Tag der Befreiung, an den wir in all den Jahren erinnert haben. Trotz des Stalinismus’, der wenige Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs so vielen Menschen in der Sowjetunion das Leben kostete, trotz des Kalten Kriegs. Nach dem Fall der Mauer fiel das Gedenken leichter, 1994 verließen die letzten russischen Soldaten Berlin. Die Bundesregierung hatte zuvor vertraglich zugesichert, dass die Gedenkstätten erhalten bleiben. Bis heute besuchen viele Menschen diese Orte, wundern sich vielleicht über die Sprüche Stalins, die in goldenen Lettern am Treptower Park zu sehen sind, über die Panzer, die an der Straße des 17. Juni stehen.

Nun gibt es wieder Krieg in Europa

77 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs ist die Welt eine andere geworden, denn nun gibt es wieder Krieg in Europa. Tausende Menschen sind seit dem 24. Februar diesen Jahres in der Ukraine gestorben, getötet von russischen Bomben und von russischen Soldaten. Putins Angriff auf die Ukraine hat alles verändert – und wirft verständlicherweise die Frage auf, ob und wie wir heute, am 8. Mai, gedenken sollen. Auch der sowjetischen Soldaten? Darf es diese Gedenkstätten angesichts des russischen Kriegs in der Ukraine noch geben? Muss man die Soldaten-Statuen nicht abbauen, die Panzer entfernen?

Ich halte nichts von Geschichtsklitterung, von den Versuchen, Gedenkstätten zu schleifen, weil sie nicht mehr in die Zeit passen. Natürlich ist es verständlich, dass Menschen bei einem Umsturz die Statue des Diktators stürzen, auch bei uns gibt es aus gutem Grund keine Hitler-Statuen oder Stalin-Alleen mehr. Aber die sowjetischen Gedenkstätten gehören zu unserer Geschichte. Und die bleibt, zumal in Berlin, schwierig, widersprüchlich, traurig; sie ist verbunden mit den schrecklichsten Taten, aber auch mit historischen Fortschritten oder mit dem Fall der Mauer. Wir alle müssen die Geschichte Berlins aushalten, wir müssen die bedeutsamen Ereignisse einordnen und uns immer wieder damit auseinandersetzen. Das geht, wie wir in den vergangenen Jahren gezeigt haben – wir können auch die schrecklichen Taten in einen Kontext stellen und den jungen Menschen erklären.

Wie wir in diesen Tagen erleben, war sie vergeblich, unsere Hoffnung auf „Nie wieder Krieg“ in Europa. Aber dennoch dürfen und müssen wir dem Kriegsende vor 77 Jahren – und damit auch dem Einsatz der Sowjetarmee – gedenken. Es wird aber ein stilles Erinnern – und mit den Gedanken sind wir bei den mutigen Menschen in der Ukraine, die in ihrem Land auch für unsere Freiheit und Werte kämpfen. Verbunden mit der Hoffnung auf ein schnelles Kriegsende.