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Der Fall Hubertus Knabe - Ängstlichkeit beim RBB

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Christine Richter, Chefredakteurin der Berliner Morgenpost.

Christine Richter, Chefredakteurin der Berliner Morgenpost.

Foto: dpa/Reto Klar

Eine Dokumentation über die Entlassung von Hubertus Knabe wird vor der Wahl zurückgezogen.

Berlin. Ich war neugierig: Am Mittwoch sollte die Dokumentation „Sondervorgang Metoo – Protokoll einer Entlassung“ im Rundfunk Berlin Brandenburg (RBB) ausgestrahlt werden. Ein Dokumentarfilm von Maurice Philip Remy, der sich durch Dokumentationen wie „Mythos Rommel“ oder „Der Fall Gurlitt“ einen Namen gemacht hat. In seiner neusten Arbeit geht es um die Entlassung von Hubertus Knabe als Direktor der Stasi-Gedenkstätte Hohenschönhausen Ende 2018.

Zwei Jahre lange recherchierte Remy, beauftragt vom RBB, sprach mit vielen Beteiligten, las hunderte Akten – und legt nun einen 90-minütigen Dokumentarfilm vor. RBB und Remy selbst wiesen mich auf die Ausstrahlung hin, haben wir als Berliner Morgenpost uns in den vergangenen drei Jahren doch ebenfalls intensiv mit den Umständen des Rauswurfs von Knabe beschäftigt, mit der Rolle von Kultursenator Klaus Lederer (Linke) und auch mit dem Untersuchungsausschuss zu dem Fall, der in dieser Woche seinen Abschlussbericht vorlegte.

Doch obwohl der Film nach gleichlautender Darstellung vom RBB und Remy abgenommen worden war, obwohl der Ausstrahlung damit nichts mehr im Wege stand, wurde die Sache am Dienstag überraschend gestoppt. Weil Remy im Jahr 2018 in einem Facebook-Post Partei für Knabe ergriffen, Kultursenator Lederer scharf kritisiert und einen Spendenaufruf bei Facebook für Knabe unterstützt hatte. Dies aber habe Remy dem RBB verschwiegen, so der RBB.

Nun solle der Film überarbeitet und erst nach der Abgeordnetenhauswahl, erst Ende Oktober, ausgestrahlt werden. Früher ginge das nicht, denn der Film müsse in den Programmen ja angekündigt werden, und dies brauche fünf bis sechs Wochen Vorlauf. Also wird die Dokumentation erst dann zu sehen sein, wenn sie bei den Wahlen weder Lederer noch Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU), die ein Interview mit Remy abgelehnt hatte, gefährlich werden kann.

Hat da etwa jemand Einfluss genommen? Gar mit der Intendantin gesprochen? Nein, es habe niemand Einfluss genommen, sagt RBB-Intendantin Patricia Schlesinger auf Anfrage. Es habe einen Hinweis auf den Spendenaufruf gegeben, den Remy verschwiegen hatte. Deshalb müsse der Film geändert werden. Der RBB habe sich 2019 bewusst für Remy entschieden, denn man wollte „eine andere Stimme“ haben.

Die wird man vor dem Wahltag am 26. September nun leider nicht vernehmen. Der RBB hatte im Herbst 2018 als erster über die Vorwürfe gegen Knabes Stellvertreter, der Frauen sexuell belästigt hatte, berichtet und den ganzen Fall eng begleitet. Dennoch wurde dann Remy mit dem Dokumentationsfilm beauftragt. Obwohl dieser nie einen Hehl daraus gemacht hat, dass er Knabes Entlassung sehr kritisch bewertet – aber die ganze Sache auch nicht schwarz-weiß, sondern überaus differenziert sieht.

Schon der Titel der Sendung macht deutlich, dass hier jemand genau hingeschaut hat, denn wie heißt es in der schon vorbereiteten Presseerklärung des RBB: „Sondervorgang“, dies war laut Lexikon der Stasi von 1960 bis 1976 die „Bezeichnung für registrierte Akten über einzelne Personen oder Personengruppen, für die das Ministerium für Staatssicherheit ein spezifisches operatives Interesse hatte“. Die erste Aktenlieferung, die die Kulturverwaltung dem Untersuchungsausschuss dann vorgelegt habe, habe den Titel getragen: „Sondervorgang“.

Der Dokumentationsfilm „wird allen Maßstäben eines unabhängigen Journalismus gerecht, ich freue mich, wenn sich die Zuschauer im Oktober ein eigenes Bild machen können“, erklärt Remy. Mehr will er nicht sagen. Vielleicht hat die Ängstlichkeit beim RBB ein Gutes: Nun bekommt der Film die Aufmerksamkeit, die er verdient.

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