Meine Woche

Wahlkampf mit Schornsteinfegern

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Christine Richter, Chefredakteurin der Berliner Morgenpost.

Christine Richter, Chefredakteurin der Berliner Morgenpost.

Foto: dpa/Reto Klar

Die Plakate aller Parteien in Berlin lassen den Betrachter meist ratlos zurück. Das ist schade, meint Christine Richter

Berlin. Wo fängt man an in dieser Woche? Beim Chaos in Afghanistan, beim Versagen der Bundesregierung, der Geheimdienste und der anderen Regierungen? Bei all den Fehleinschätzungen, die jetzt Menschenleben kosten, unter denen die Menschen in Afghanistan so sehr leiden müssen? Auch wenn es mir persönlich angesichts des so schnellen Sieges der Taliban in Afghanistan mit all seinen Folgen, angesichts der vielen Afghanen, die noch versuchen, irgendwie aus dem Land zu kommen, angesichts des Chaos am Flughafen in Kabul fast die Sprache verschlägt, so sehr wundere ich mich doch über all diejenigen, die jetzt öffentlich so wortreich beschreiben können, was alles falsch gelaufen ist, die wissen, warum das „Nation Building“ schon immer zum Scheitern verurteilt war, warum die Amerikaner diesen oder jenen Fehler gemacht haben. Wo waren all diese Leute bloß in den vergangenen 20 Jahren?

Und wenn es nicht so traurig wäre, könnte man fast darüber lachen, was sich im Zusammenhang mit Afghanistan wegen der bei uns leidenschaftlich geführten Identitätsdiskussion in so manchen Medien abspielt. Das ZDF postete bei Instagram: „Die Islamist*innen ziehen in immer mehr afghanische Städte ein.“ Klar, sind auch so viele Frauen und Transgender bei den Islamisten dabei, die schwer bewaffnet in die afghanischen Städte einziehen. Später war in einem ZDF-Tweet, der das Foto mit 640 Menschen, übrigens überwiegend junge und ältere Männer, im Frachtraum einer US-Transportmaschine zeigte, von „Afghan*innen“ die Rede, was einen Freund in den sozialen Medien zu der Frage veranlasste: „Was schreiben wir bei den Deutschen?“ Die für mich schönste Antwort lautete: „Kartoffel:innen.“

Im Berliner Wahlkampf sucht man Selbstironie vergeblich

Im Wahlkampf, der uns in Berlin und im Bund beschäftigt, sucht man Selbstironie vergeblich. Angesichts der großen und kleinen Wahlplakate fragt man sich, wer da wohl das Sagen hatte: die Werbeexperten oder die Politiker und ihre Parteien? Vor allem bei der Berliner CDU macht jeder, was er will. Von einem einheitlichen Auftritt sind die Berliner Christdemokraten weit entfernt – Orange, Blau, Schwarz, bei den Farben ist alles dabei, jeder Wahlkreiskandidat hat sich offensichtlich für seine ganz eigene Plakatgestaltung entschieden. Der CDU-Bundestagsabgeordnete und ehemalige Justizsenator Thomas Heilmann feiert sich mit abgedruckten Briefen, in denen sich Berliner bei ihm für seinen Einsatz bedankt haben, selbst – wie peinlich. Der CDU-Spitzenkandidat Kai Wegner zeigt sich mal mit jungen Menschen, mal umringt von Schornsteinfegern. „Er braucht wohl Glück“, kommentierte eine Freundin, als sie das Plakat sah. Und wer nicht schon weiß, dass Wegner der Spitzenkandidat der Union ist und ins Rote Rathaus will, der bleibt sowieso ratlos zurück.

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Franziska Giffey, die SPD-Spitzenkandidatin, hat es da leichter, seit ihrer Zeit als Bundesfamilienministerin verfügt sie zumindest über einen hohen Bekanntheitsgrad. Aber auch sie hat sich für die Wohlfühltour entschieden: Auf den Plakaten ist sie mal unter einer S-Bahn, mal, auf einer Treppenstufe sitzend, mit einem tätowierten Mann und einem kleinen Hündchen zu sehen. Was soll uns das bloß sagen? SPD-Spitzenkandidat Olaf Scholz, der Bundeskanzler werden will, verspricht auf seinen Wahlplakaten einen Mindestlohn von zwölf Euro, als ob die Festlegung des Mindestlohns nicht alleinige Sache der Mindestlohnkommission wäre, und hält auf anderen Plakaten dem Betrachter einen großen Stimmzettel hin. Die Botschaft zumindest ist klar.

Wählen gehen, das ist in diesem Jahr, erst recht nach dieser Woche mit dem Chaos in Afghanistan, wichtiger denn je. Aber auch schwieriger denn je.